Ist es gut, wenn die Leser der Heimatzeitung alles wissen?

Ehemaliger Volontär des „Donaukurier“  über Lokaljournalismus

Herbert Riehl-Heyse (1940-2003), stilprägender Redakteur der Süddeutschen Zeitung beschrieb 1989 in seinem Buch “Bestellte Wahrheiten” auch seine Anfänge als Lokalredakteur.“Schreim`s was schönes“, erging die gängige Forderung/Bitte an den Jungspundreporter.

Eine gleichlautende Beschreibung lieferte nun in einem Vortrag der ehemaliger Lokalchef des Schwabacher Tagblatt und Gesellschaftsreporter der Nürnberger Nachrichten, Klaus Schrage, gehalten auf dem Journalistentag der Deutschen Journalisten-Union im November in Berlin.

Klaus Schrage, er begann seine Laufbahn mit einem Volontariat beim Ingolstädter Donaukurier , referierte -aus der Sicht eines Lokaljournalisten- über den Leitsatz des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises für Fernsehjournalismus:

“Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.”

(Den Preis für das Jahr 2012 erhielt vor einigen Wochen die ZDF Nachrichtencomedy “heute-show” mit Moderator Oliver Welke. Für ihr „intelligentes, eigenständiges und qualitätsorientiertes Fernsehformat“)

Muss man Lokalpatriot sein, um als Lokaljournalist in der Provinz überleben zu können? Im Spannungsfeld zwischen kritischer oder unkritischer Berichterstattung, den Einflüsterungen vermeintlich maßgeblicher Kreise oder „objektiver“ Berichterstattung sollte man nicht vergessen: Auch ein Journalist will geliebt werden.

Sein Fazit:„Ob du trotzdem Distanz halten kannst, ist eine Frage deiner persönlichen Qualität.

(Den Vortrag dokumentieren wir nachfolgend mit freundlicher Genehmigung von Klaus Schrage)

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„Wer sich als Lokaljournalist nie gemein macht, hat kein Herz“

Klaus Schrage, Vollblut-Journalist aus Nürnberg

Es war mein erster wirklich großer Termin, damals, Anfang 1980: Jahrestagung der Feuerwehrkommandanten des Landkreises Roth. Ich, der in der Großstadt sozialisierte, erschreckend magere 21-jährige Jungvolontär, betrat also diese mit Uniformträgern gefüllte Mehrzweckhalle, als sich ein offensichtlicher Chef vor mir aufbaute. 20 Zentimeter größer und wenigstens doppelt so schwer wie ich, drückte er mir kräftigst die Hand und sagte mit tiefer Stimme: „Host an Film drin?“ Und: „Schreib‘ was Schönes.“

Ich war Journalist geworden, um diese Welt durch meine Arbeit wenigstens ein bisschen besser zu machen.

Aber diesen Hinweis, ich möge doch, „was Schönes“ schreiben, sollte ich in der Folgezeit öfters hören.

Er war das Mantra der Honoratioren, sozusagen die gemeinsame Klammer für Bürgermeister, Raiffeisenvorstände, Geflügelzucht-Koryphäen, Legenden des B-Klassen-Fußballs und preisgekrönte Ferkelerzeuger.

Dieser Satz sagte mir, dass ich nunmehr dazugehörte. Irgendwie. Und ob ich noch fremdelte, so wurde ich alsbald endgültig eines Besseren belehrt. Bei der Prunksitzung des Rother Carneval Clubs. Den dünnen Hals zum vielleicht fünften Mal im Leben mit einer Krawatte zugeschnürt, wurde ich für mich völlig überraschend auf die Bühne gerufen. Gemeinsam mit vier Herren im rentennahen Alter. In Schockstarre nahm ich die Küsschen des Pagen sowie den silberglänzenden Sessionsorden entgegen, welcher mir, wie ich in diesen Minuten erfuhr, zustand, weil ich zum erlauchten Kreis der „Förderer des fränkischen Frohsinns“ gehörte.

Ja, ich war angekommen.

Hätte es den für diesen Journalistentag zentralen Satz damals schon gegeben, hätte ich wahrscheinlich gesagt: „Der Friedrichs tut sich leicht, dieser Depp.“ Sich gemein machen – als ob das deine freie Entscheidung wäre. Wenn du Lokaljournalist wirst, vor allem in der Provinz, dann wird von dir auch Lokalpatriotismus erwartet.

Allerdings: Es gibt nicht nur das Gemein-gemacht-werden. Du kannst das auch selber erledigen. Dann nämlich, wenn du glaubst, was dir immer wieder zugeflüstert wird. Dass Du kraft deines Amtes eine wichtige, vermutlich nie wieder ersetzbare Persönlichkeit bist. Dass du jemand bist, der nicht nur für Berichte, Kommentare, tolle Fotos oder sonstiges „Schönes“ verantwortlich ist. Sondern der auch mit den Mächtigen kungeln soll und darf. Der auch genau weiß, dass nach dem Konzert des Männergesangsvereins die Überschrift „Meisterhafte Interpretation“ nie verkehrt ist. „Mies gesungen“ aber schon.

Der dazugehörige Text kommt, wie in der lokalen Kultur üblich, wenn nicht von einem pensionierten Lehrer, dann von einer freien Mitarbeiterin. Diese ist schlecht bezahlt, was es ihr leichter macht, sich mit dem gemein gemachten Lokalredakteur gemein zu machen. Sie ist erst recht eine Dienerin ihrer Region. Wenn es nicht sogar so ist, das sie sich beim Sponsor des Konzertes die überlebenswichtigen PR-Honorare verdient. Noch Fragen? Zur journalistischen Unabhängigkeit?

Für den Redakteur, der sich mit seiner Region gemein gemacht hat, wiederum ist klar: Es ist nicht gut, wenn die Leute alles wissen. Den Lesern gebühren jene Informationen, die der Region dienen. Welche das sind, entscheiden du – und noch mehr deine Partner in den Chefbüros der Rathäuser, der Parteien oder Firmen. Und wenn es jemand wagt, „deine“ Region zu kritisieren, hast du empört zu sein. Wenn etwa, wie jetzt gerade geschehen, ein Professor mit Dienstort Hagen in Südwestfalen den Nürnberger Christkindlesmarkt als langweilig kritisiert, hast du das zurückzuweisen. Selbstverständlich versehen mit dem Hinweis, dass der Mann in der verhassten Nachbarstadt Fürth geboren wurde. Das ist so klar, wie selbstverständlich ist, dass es sich beim Nürnberger Christkind, um eine extrem kluge und unglaublich nette Oberstufenschülerin handelt. Obwohl Jesus ein Junge war.

Wenn du das alles doch nicht willst, kannst du manchmal nur das machen, was du als redlicher Journalist auch im Alltag in deiner Redaktion probierst. Inmitten der alltäglichen Routine Qualitätsinseln schaffen. Also immer wieder mal frech sein, überraschend anders sein, ein Tabu brechen. Und sei es ein Lächerliches. Etwa den kommunalen Haushalt vorstellen und dabei das Gehalt des Bürgermeisters publizieren. Was in einer 10.000-Einwohner-Stadt als extrem verstörend wahrgenommen wird.

Seite 2: Über Sauereien hinwegsehen macht das Leben des Journalistenmenschen leichter

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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