Screenshot ARD

Deutsche „Eliten“ Verwahrlosung am Beispiel „Marsch auf Moskau“

Lesedauer 6 Minuten

Ein Kommentar zur „Anne Will“ Sendung vom 25.06.2023

Jens Berger fragt sich Eingangs seines Kommentars auf den „NachDenkSeiten“, ob die sich am 25. Juni 2023 zur „Anne Will“ Sendung zusammengefundenen Personen ausweislich ihrer Redebeiträge „die Welt in Flammen sehen“ möchten?
Reflektierten die Gesprächsteilnehmer doch den von Wagner-Chef Prigoschin begonnenen und schnell wieder abgebrochenen „Marsch auf Moskau“ in einer besonders aufschlussreichen Art. Hatte es das von der Runde mehr oder minder unverhohlen herbeigesehnte Chaos in Russland nun leider nicht gegeben.

Auf der Suche nach bürgerkriegsähnlichen Wunschvorstellungen in Russland stocherte man im Nebel der subjektiv gesehenen Möglichkeiten und blies die eigene Beschränktheit seiner Außenansicht zur unumstößlichen Expertise auf.
Die Verwahrlosung dieser vorwiegend medial als Elite verkauften russophoben Zyniker zeigte sich besonders an dem Umstand, dass man sich bei seinen Wunschvorstellungen in keinster Weise darum scherte, welche Folgen bürgerkriegsähnliche Zustände in Russland und für Europa haben könnten.

Berger beendet seinen Kommentar mit einer Relativierung dieser „Eliten“, deren Stimmen „keinesfalls repräsentativ für meine Mitbürger sind“. Diese Fernsehrunden „zeigen „lediglich“ einmal mehr den erbärmlichen Zustand, in dem sich unsere Medien befinden. Und das ist schlimm genug.“   

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Wollt Ihr die Welt in Flammen sehen?

Ein Kommentar von Jens Berger

Am Samstag hielt die Welt den Atem an. Söldnerführer Jewgeni Prigoschin rief zum „Marsch auf Moskau“ auf, und es dauerte bis in die Abendstunden, bis eine Verhandlungslösung den Showdown zwischen den Wagner-Söldnern und den regulären Streitkräften vor den Toren Moskaus in letzter Minute verhinderte. Wer am Wochenende die deutschen Medien verfolgte, stieß dort auf eine Mischung von klammheimlicher bis offener Freude – offenbar hat die naive Hoffnung auf einen „Regime Change“ in Moskau unsere Meinungsmacher so fest im Griff, dass man sich dafür sogar Chaos und Bürgerkrieg in einem Land herbeiwünscht, das die größte Atommacht der Welt ist. Es kann einem wirklich mittlerweile angst und bange werden, wenn man sich den geistigen Zustand unserer Eliten vor Augen hält.

I like the smell of civil war in the morning” [„Ich mag den Geruch von Bürgerkrieg am Morgen“] – so kommentierte der Bundeswehrprofessor Carlo Masala die ersten Agenturmeldungen zum Aufstand Prigoschins. Masala ist nicht irgendwer. Der Politikwissenschaftler wurde von den Medien zu einer Art „Christian Drosten des Ukraine-Kriegs“ aufgebaut und darf in zahllosen Talkshow- und Interviewauftritten der Öffentlichkeit seine Sicht der Dinge erläutern; und die ist gnadenlos transatlantisch, pro-ukrainisch und bellizistisch. Keine Frage, Masala ist ein Falke, wie er im Buche steht. Dass er in den Medien oft nicht so wahrgenommen wird, liegt wohl vor allem daran, dass ebenjene Medien nicht mehr den gesamten Debattenraum abbilden, sondern fast nur noch Falken zu Wort kommen lassen. Und im Konzert der Falken ist sogar ein Carlo Masala nur eine Stimme von vielen.

Wie das funktioniert, zeigte am gestrigen Abend [25.06.2023] das ARD-Format Anne Will in Perfektion. Normalerweise wird in solche Talkshows ja zumindest ein einzelner Gast eingeladen, dessen meist hoffnungslose Aufgabe es ist, dem Meinungsmonopol der anderen Gäste zu widersprechen und das „Krokodil“ im medialen Kasperletheater zu geben. Das hat dann auch die erzieherische Wirkung, dass dem Teil der Öffentlichkeit, der ebenfalls kritische Positionen vertritt, vor Augen geführt wird, wie einsam sie mit ihrer Meinung liegen und wie falsch diese doch ist. Doch gestern Abend hat man sich offenbar noch nicht einmal getraut, Gegenargumente in dieser orchestrierten Form zuzulassen. Geladen waren neben Masala die russophobe Journalistin Sabine Adler, der transatlantische Politlobbyist Roderich Kiesewetter und der dem militärisch-industriellen Komplex nahestehende SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil. Es wurde also ein sehr kleiner, aber sehr mächtiger Meinungshorizont abgebildet, der im Paralleluniversum Anne Will die gesamte Debatte repräsentieren sollte. Toll.

Dass der Chor der transatlantischen Falken dann sein transatlantisches Gekrähe zum Besten gab, konnte daher auch nicht wirklich überraschen. Schockierend war jedoch die Gleichförmigkeit, mit der man sich mal mehr mal weniger direkt das Chaos in Russland herbeisehnte. Das war – so schlimm es ist – repräsentativ für die gesamte mediale Berichterstattung des Wochenendes.

Auf einmal war der ultranationalistische Oligarch und Söldnerführer Jewgeni Prigoschin, der bei objektiver Betrachtung eigentlich all das verkörpern müsste, was der politisch-mediale Komplex Deutschlands abgrundtief verachtet, „unsere Hoffnung“. Die Aussicht auf einen russischen Bürgerkrieg wurde als ein durchaus wünschenswertes Szenario in Kauf genommen. Zwar wünschte man sich nicht offen einen Sieg Prigoschins in diesem Szenario; aber allein die Vorstellung, dass die russische Militärmacht sich nicht in voller Stärke gegen „unsere Verbündeten“ in der Ukraine wendet, sondern sich selbst bekämpft, gilt den Kommentatoren und Experten offenbar als wünschenswert. Das ist nicht nur naiv, sondern auch hochgradig dumm; und dies aus drei Gründen:

  • Die Vorstellung, ein offener Konflikt innerhalb der russischen Eliten könnte am Ende von prowestlichen Kräften genutzt werden, um in Russland das Ruder zu übernehmen, ist pure Illusion ohne jegliche Grundlage. Prowestliche Kräfte sind in Russland nahezu inexistent, und Personen wie unser Darling Alexei Nawalny haben in Russland ungefähr so viel Rückhalt bei Militär, Staatsapparat und Zivilbevölkerung, wie der in Deutschland hochgepuschte „Putschist“ Prinz Reuß mit seinen Reichsbürgern hierzulande hat. Und das hat Gründe, für die auch der Westen die Verantwortung trägt – Stichwort „Ausverkauf unter Jelzin“ und „Sanktionspolitik des Westens“.
  • Russland ist die größte Atommacht der Welt und verfügt nicht nur über atomare Interkontinentalraketen, sondern auch über sogenannte „taktische Atomwaffen“, die im Falle eines Militärputsches oder gar Bürgerkriegs auch schnell in die Hände von ultranationalistischen Kräften vom Schlage eines Prigoschins geraten könnten. In wessen Interesse soll es sein, dass direkt an der östlichen EU-Grenze ein militärischer Konflikt zwischen atomar bewaffneten „Warlords“ entsteht? Das wäre für die gesamte Welt ein schockierender Albtraum und kein wünschenswertes Szenario.
  • Auch wenn dies für die „Russenfresser“ in Politik und Medien offenbar keine Rolle spielt: Kriege töten Menschen, und die meisten Opfer sind in jedem Krieg unschuldig. Wie zynisch kann man sein und sich einen Bürgerkrieg wünschen, dem unschuldige Menschen zum Opfer fallen? Was sind das nur für Menschen, die sich so etwas wünschen?

Gemäß einer Definition sind Eliten die Personen, die die Macht haben, Politik nach ihren Überzeugungen zu beeinflussen. So gesehen gehören die Talkshow-Experten vom Schlage eines Carlo Masala zu den Eliten dieses Landes. Ein Land, dessen Eliten die Welt vorsätzlich oder zumindest grob fahrlässig in Flammen sehen wollen, ist eine Gefahr; nicht nur für uns, sondern in diesem Falle sogar für die ganze Welt.

Würde ich irgendeine Verbindung zu diesen Eliten fühlen, würde ich mich bis auf die Knochen für sie schämen. Doch warum sollte ich? Schließlich weiß ich ja, dass diese Stimmen keinesfalls repräsentativ für meine Mitbürger sind. Sie zeigen „lediglich“ einmal mehr den erbärmlichen Zustand, in dem sich unsere Medien befinden. Und das ist schlimm genug.

(Der Kommentar von Jens Berger erschien zuerst auf den „NachDenkSeiten“, dem wir für das Recht der Zweitveröffentlichung danken)

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