Dieses Weltreich spottet jeder Ironie

Lesedauer 9 Minuten

Vom Rückfall in die vergangenen Zeiten der abendländischen Selbstverherrlichung

Eine Betrachtung von Pentti Turpeinen*

Ein euphorisches Gespenst geht um in der westlichen Wertegemeinschaft, das Gespenst des neuen Weltreiches unserer christlich-abendländischen Zivilisation. Mit Jahrhunderte bewährten Legitimationsmethoden unserer vergangenen Kaiserlich-Königlichen Herrschaftsgebilde und der demokratischen Kolonialmächte ist es nun gelungen, die mächtigen Demokratien des Westens als westliche Wertegemeinschaft zu vereinen und unsere fast in Vergessenheit geratene Verpflichtung zu beleben, als ein außerordentlich begabter Menschenschlag einer außerordentlichen Zivilisation die Menschheit mit unseren freiheitlichen Werten in eine regelbasierte Weltordnung zu führen.

In der Schnelligkeit, wie diese sinnsuchende Zielsetzung der noch jungen westlichen Wertegemeinschaft bei ihren demokratischen Machtgestaltern und den Bevölkerungen eine enthusiastische Akzeptanz fand, zeigt sich, wie tief wir unsere Außerordentlichkeit verinnerlicht haben: Endlich wieder zu Höherem berufen, wertebasiert das Böse aus der Welt jagen, sich als würdiger Mitgestalter unseres glorreichen Zivilisationsprozesses bewähren!

„Werte Weste(r)n Gesinnung“

Bei der heutigen Weltreichbildung wird nicht nur ein unbekümmerter Rückfall in die vergangenen Zeiten der abendländischen Selbstverherrlichung offenbar, sondern auch die traditionelle Verleugnung der selbsterzeugten Katastrophen; und das sollte uns zutiefst beunruhigen.

Dass eine selbstkritisch schonungslose Analyse über die systemimmanenten Fehlentwicklungen und Schandtaten uns Jahrhunderte lang bis heute intellektuell und moralisch überfordert und aufklärende Dichter und Denker, Wissenschaftler und Philosophen unsere abendländisch gehobene Erhabenheit unter den Weltkulturen als eine quasi Weltkulturerbe zu bestätigen wussten, beweist die Effektivität der Legitimationsmethoden unseres Zivilisationsprozesses. In dieser Tradition wird die gegenwärtig tosende „Werte Weste(r)n Gesinnung“ als eine lang ersehnte Selbstverständlichkeit begrüßt, begeistert verbreitet und mit Zuversicht in die Tat umgesetzt.

Obwohl nicht gebührend gewürdigt, baut sich unser Zivilisationsprozess nach wie vor auf eine vielversprechende Idee unserer Vorfahren aus der Vorzeit der Stammeskulturen auf. Sie hatten entdeckt, dass es möglich ist, einen räumlich und zeitlich ausgedehnten Machtbereich zu konstruieren und diesen dann als namenloser Machthaber, später als Pharaonen, Kaiser, Könige und als Führer der nationalistisch kolonialistischen Demokratien, mit wundervollen Erzählungen, genialen Kunstwerken und Erfindungen und geistig-körperlicher Züchtigung den Mitmenschen als ihr aller Werk zu vermitteln. Mit phantasievollen Legitimationsmethoden wurden die Bevölkerungen zu freiwillig agierenden stolzen Untertanen des gemeinsamen Herrschaftsgebietes erzogen. Das natürliche Bedürfnis, einer Gemeinschaft anzugehören, fand eine kultivierte Form als das, was wir heute Nationalbewusstsein nennen. Dabei hat natürlich das Gebot, „Du sollst keine andere Meinung neben der meinen haben!“, sehr geholfen.

Die unendlich kreativen Potentiale, die sich aus einem weiträumig koordinierten Zusammenleben der Menschen hätten ergeben können, wussten die Machtgestalter von Vormals auf ihre unwiderstehlichen Freuden an Herrschaft und Reichtum zu reduzieren. Dass sich daraus eine weltumspannende und sehr erfolgreiche „Möchte-auch-gerne-ein Herrscher sein“-Bewegung entwickeln sollte, hätte sich unter den bescheidenen Anfangsbedingungen niemand vorstellen können.

Das System als solches bleibe bitte unantastbar

Die Möglichkeit, diese damals neuartige Lebensform als ein von den Beteiligten gemeinschaftlich überschaubares und formbares Ganzes zu meistern und somit den einvernehmlichen Überblick über die Folgen des eigenen Handelns zu behalten, blieb bis heute tabu. Einzelne Missstände können beseitigt und das Leben der Betroffenen erleichtert werden, aber das System als solches bleibt unantastbar und die Entscheidungsgewalt in den mächtigen Händen der Einzelnen. Mit dieser geistigen Einschränkung entwickelten unsere ehrsüchtigen Vorfahren aus ihrer Variante der gemeinschaftlichen Lebensgestaltung zielstrebig eine unseren Kontinent übergreifende Macht-Profit-Dynamik, die wir stolz unsere westliche Zivilisation nennen.

Ja, all unsere Kaiser- und Königreiche, auch die späteren demokratisch nationalistischen Kolonialmächte, wussten zu ihrem eigenen Ruhm herausragende Geistesgrößen einzuspannen und all die verheerenden selbsterzeugten Katastrophen, Eroberungskriege, Ausbeutung, Sklaverei, Rassismus, Völkerhass, Zerstörung der Natur usw. als einen Kampf für die edlen Ziele zu vermitteln und als solche in den Geschichtsbüchern zu verewigen.

Von diesem „highway to heaven“ zutiefst beeindruckt, fühlt sich nun auch die demokratische westliche Wertegemeinschaft als ein aufgehendes Weltreich verpflichtet, mit Wort und Tat ihren Beitrag zur Ehre der abendländisch-christlichen Zivilisation zu erfüllen. In der erfolgreichen Profitmaschine der globalisierten Wirtschaft hatten die reichen westlichen Nationen als Mitprofiteure die Notwendigkeit erkannt, zu einer einheitlichen weltpolitischen Macht zu finden; zuerst als EU und nun als westliche Wertegemeinschaft. Waren die Motive bei der Geburt der EU bis vor kurzem von Frieden unter den europäischen Völkern geprägt, ist die westliche Wertegemeinschaft mit USA und NATO von Anfang an auf aggressive Konfrontation los.

Tief verinnerlichte Selbstverherrlichung

Um unsere Bevölkerungen für seine Mission zu gewinnen, braucht das neue Weltreich der westlichen Wertegemeinschaft kaum Ängste und Verunsicherungen zu schüren; die kreative Wiederbelebung unserer tief verinnerlichten Selbstverherrlichung reicht! Schon ein überzeugendes „we are the greatest“ vereint die aufgeklärten Demokraten zu erhabenen Taten. Nicht dass wir Menschen von Natur aus blöd und einfältig wären; in unseren Genen schlummern die vielfältigsten Anpassungsfähigkeiten, die in einer jeweiligen Kultur in eine bestimmte Gestalt eingestampft werden. Auch unsere zivilisierte Neigung zum Rassismus und rassistischen Völkerhass ist keine uns angeborene Eigenschaft, sondern das Resultat von einer jahrhundertelangen Erziehung zur abendländisch-christlichen Auserwähltheit.

Das Abgewöhnen des kritischen und selbstkritischen Denkens über ihre Herrschaft haben die Macht- und Meinungsmacher traditionell phantasievoll kultiviert. Dabei haben sie wohl übersehen, dass die natürliche Fähigkeit, fundamentale Fragen zu stellen, nicht nur aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein der Bevölkerungen erfolgreich getilgt wurde, sondern ebenso aus dem Welterkennen der Herrscher-Eliten selber, samt ihrer medialen Öffentlichkeit; und dies so gründlich, dass ihnen seit Jahrhunderten nicht die Frage einfällt: Was tun wir eigentlich?

Technisch hochentwickelt und wundervoll kreativ beim Entdecken von Lösungen für einzelne Aufgaben, aber möglichst einfältig und naiv beim Erkennen von sozialen und weltpolitischen Zusammenhängen; das bleibt auch das Menschenideal der westlichen Wertegemeinschaft. Unsere christlich-abendländische Weltpolitik-Erklärung ist schlicht und einleuchtend: Durch einen gütigen Schöpfer wurde der Frieden auf Erden möglich und von einem Teufel zerstört. Ja, demnach hat auch Hitler alleine gehandelt.

Der vertrauten geistigen Engstirnigkeit aus tiefster Überzeugung verpflichtet, hat die westliche Wertegemeinschaft die hohe Kunst der Legitimation unserer Vorfahren in eine zeitgemäße Gestalt kultiviert: In einen schlichten Tunnelblick. Traditionen sind eben allzu menschlich zu pflegen! Die Erfahrung lehrt: Mit einem Tunnelblick verwandeln die Schandtaten und die Arroganz des eigenen Kulturkreises in erhabene Ziele, die Unbelehrbarkeit in eine Tugend und die aufgeklärte Vernunft fühlt sich befriedet, wenn sie den Feind als böse definiert.

Auf immer tieferem intellektuellen Niveau …

Wie gut dies gelungen ist, zeigt sich auch in alltäglichen Diskussionen als eine bittere Realität. Die natürliche Überlebensfähigkeit, zusammenhängend zu denken und die Lebenswirklichkeit in einem offenen Diskurs gemeinsam zu gestalten, ist uns auf sehr, sehr, sehr lange Sicht abhandengekommen, als eine Zukunftsperspektive auch aus dem demokratischen Bewusstsein verschwunden.

Es ist ein Schock zu erkennen, wie die geistige Oberflächlichkeit als „dirty old river“ den Mainstream des gesunden Menschenverstandes für sich beansprucht. Ja, es ist ein Schock, diesen undurchdachten Rückfall in uralte Legitimationssysteme auf immer tieferem intellektuellen Niveau zu beobachten. Und dass sie Erfolg haben! Es wird lange dauern, bis wir wieder in der Öffentlichkeit des Werte-Westens einander respektierendes, kritisches Diskutieren erleben werden.

Die Fehlentwicklungen unserer zivilisierten Lebensweise waren einer Minderheit seit Anbeginn bekannt. Auch die utopischen Texte seit dem Mittelalter haben unterhaltsam die Sehnsucht nach einer macht-profit-gier-freien Lebensweise lebendig gehalten. Die wissenschaftlich fundierten Strukturanalysen von Marx und von ihm angeregten Denkern hatten die alternativen Überlebensmodelle konkretisiert. Die Rückschläge bei der Verwirklichung ihrer Vorstellungen haben die heutigen Geistesgrößen nicht ermuntern können, in dem Ganzen unserer zivilisierten Überlebensstrategie systemimmanente Tendenzen zu einer gemeinschaftlichen Lebensgestaltung zu entdecken. Stattdessen etabliert sich die Idee, mit Hilfe der neuesten Technik die würdevolle Weiterentwicklung des Menschen voranzutreiben.

Und da macht die westliche Wertegemeinschaft mit Begeisterung mit: Es ist noch nicht offiziell, aber die aufgeklärte Vernunft des Westens lässt sich schon von einer tiefen Überzeugung tragen, dass unser Kulturkreis einen neuen, unerhört fortschrittlichen Menschentypus hervorgebracht hat: Homo KI-sapiens sapiens. Und in den Laudationes zu dessen Ehren wird nicht nur sein Einfallsreichtum beim Erledigen von begrenzten Aufgaben und die erbarmungslose Standhaftigkeit bei der „Survival oft he fittest“ gewürdigt, sondern auch der geistige Einfall, die Schäden an Mensch und Natur durch die private Macht-Profit-Maximierung in eine noch effektivere materielle Zukunftsgestaltung umzudeuten.

Du sollst keine andere Meinung neben der meinen haben!

Mit den vielversprechenden Fähigkeiten dieser neuen Spezies Mensch will die westliche Wertegemeinschaft die noch unterentwickelten Menschenarten auf der Erde, vor allem solche, die bei ihrer Lebensgestaltung an die Folgen ihres Tuns noch denken, fürsorglich in unser fortschrittliches Weltreich führen. Und um die eigenen Bevölkerungen weiterhin als eine eingeschworene Einheit zum aktiven Mitgestalten dieses erhabenen Vorhabens zu reizen, hat sich die altvertraute Überzeugungskunst bestens bewährt: Du sollst keine andere Meinung neben der meinen haben! Doppelmoral, Heuchelei, mit zweierlei Maß messen, Scheinheiligkeit usw. sind keine Erfindung der westlichen Wertegemeinschaft, sondern allesamt Jahrhunderte alte Legitimationsmethoden unserer Zivilisation. Mit einer selbstkritischen Offenlegung der eigenen Schandtaten wäre auch heute die geistig-kulturelle Überlegenheit der westlichen Wertegemeinschaft, trotz bewundernswerten kulturellen Errungenschaften unserer Genies, nicht zu vermitteln. Nicht, dass auch die anderen Fehlentwicklungen hätten.

Das Herrschaftsmodell des Abendlandes prägt das Zusammenleben weltweit. Aber wir, der abendländische Menschenschlag, sind das würdige Ebenbild unseres Gottes auf Erden. Und folgerichtig prägen wir mit unseren westlichen Eigenschaften die Evolution des Menschen; zuerst als Homo sapiens sapiens und gegenwärtig als Homo KI-sapiens sapiens mit den fortentwickelten Wesensmerkmalen der Gattung westliche Wertegemeinschaft. Der vorzeitliche Übergang von überschaubaren Stammeskulturen in weiträumige Herrschaftssysteme hat uns vor Herausforderungen gestellt, mit denen unsere Machteliten seit Anbeginn geistig-moralisch überfordert sind. Die Entscheidungsgewalt in aus-gewählten Händen einer legitimierten Minderheit vermag auch gegenwärtig die Unfähigkeit, die verhängnisvollen Folgen des gesellschaftlichen Handelns zu überschauen, nicht zu korrigieren.

Die selbsterzeugten Katastrophen bleiben die Regel. Und auch in der nächsten Aufbauphase werden wir die vertrauten Huldigungen für die demokratischen Führer der EU, der USA, der NATO-Staaten, der vereinten westlichen Wertegemeinschaft insgesamt, in unserer medialen Öffentlichkeit genießen dürfen. Frei nach Gebrüder Grimm: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute ehrenhaft, voller traditionsbewusster Weisheit und Tapferkeit; sie haben immer ihr Bestes gegeben. Ja, besser geht‘s wohl nicht, das kenne ich so gut auch von mir.

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*Dieser Text von Pentti Turpeinen erschien zuerst auf den „NachDenkSeiten“ (26. Januar 2023) Wir danken Pentti Turpeinen für das Recht der Zweitveröffentlichung. Pentti Turpeinen ist finnischer Staatsbürger. Er arbeitete als Journalist in Finnland, studierte dann in den 70er Jahren Philosophie, Politologie und Soziologie an der Freien Universität Berlin. Später arbeitete er als hauptberuflicher Musikschullehrer und lebt heute in Oberbayern.

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