So kocht Deutschland – Wie sich die Zeiten ändern

Was 1954 nur mit einem Trick gelang, der Griff zum Fertigprodukt, ist heute gut gelernte Praxis. Besonders junge Konsumenten bezeichnen Kochen auch dann als „selbst gekocht“, wenn sie Fertiggerichte nur „selbst gekauft“ haben. Eine neue Studie untersuchte wie „Deutschland kocht“.

1957 beschrieb der US-amerikanische Konsumkritiker Vance Packard in seinem Bestseller „The Hidden Persuaders“ (Die geheimen Verführer) die tiefenpsychologischen Tricks und Kniffe zur Beeinflussung unserer täglichen Lebensführung.

Vernunftgemäße Überlegungen und mögliche Verwendungsdispositionen nur durch Verbraucherbefragungen abzusichern, führten zum Beispiel bei Neueinführungen von haushaltserleichternden Fertigprodukten häufig zu Flops und damit zu beträchtlichen finanziellen Fehlinvestitionen.

1954 war Convenience noch gleichbedeutend mit schlechter Haushaltsführung

Zum Beispiel bei Fertigbackmischungen. Erst tiefenpsychologische Bedürfnisforschung brachte hier den Durchbruch. Der durchgängige Convenience Gedanke, in die „küchenfertige“ Trockenmasse der Backmischung alle erforderlichen Zutaten beizumengen, stieß durch die Verpackungsangabe „Keine Eier oder Milch, nur Wasser zugeben ….“ auf Ablehnung und Schuldempfinden bei den potentiellen Verwenderinnen.

Man hatte damals -beim heute weltweit sechstgrößten Lebensmittelhersteller „General Mills“- mit der Vollrezeptur übertrieben und den kuchenbackenden Hausfrauen einen entscheidenden Beitrag vorenthalten: Die „Schöpfungskraft“!

Was ist das schon für ein Kuchen, wenn man nur noch Leitungswasser hinzufügen braucht“, beschrieb Packard die Reaktionen von Frauen.
Auf die Ergründung der Ablehnung angesetzte Psychologen stießen dabei auf das Phänomen der „Kuchensymbolik“. Frauen sahen einen fertigen Kuchen als Geschenk von sich an ihre Familie an. (Vergleichbar mit dem Schöpfungsakt des Kindergebärens)

Diese Erkenntnis führte zur Umstellung des Rezeptes. Jetzt enthielt die Verpackung der Backmischung (siehe Titelbild links unten) den augenfällig aufgedruckten „Schöpfungsausweg“: „Man nehme frische Eier …! (In Deutschland war eine andere „Zutat“ wichtiger. Hier stand bei Backmischungen auf der Verpackung „… ein Stück gute Butter geben sie selbst hinzu“)

 2017 gelten Fertiggerichte (auch ohne Verfeinerung durch den Verwender) nach der Zubereitung ganz selbstverständlich als „selbst gekocht“.

Denn die „Deutschen suchen in der Küche den Kompromiss zwischen Genuss und Pragmatismus“, so die neue Nestlé Kochstudie „So kocht Deutschland“.

(Bemerkung am Rande: Der oben erwähnte weltweit sechstgrößte US-Amerikanische Lebensmittelhersteller „General Mills“ vertreibt mit dem weltgrößten Nahrungsmittelkonzern, der Schweizer „Nestlé S.A.“ über das Joint Venture „Cereal Partners Worldwide S.A.“ verschiedene Sorten Frühstücksflocken -Wikipedia)

Jedes dritte Gericht in Deutschland ist in maximal 10 Minuten zubereitet

Man ist heute viel entspannter geworden, was das Kochen angeht. Es muss nicht mehr alles frisch zubereitet werden. Es kann auch mal etwas Vorgefertigtes gegessen und selbst verfeinert werden. Das am besten in einem zeitlich überschaubaren Rahmen, damit wieder mehr Zeit für die vielen anderen Dinge des Alltags bleibt“, erklärt Katja Popanda, Marktforschungsleiterin bei “Nestlé Deutschland”.

Kochen strikt nach Rezept war gestern, Tablet und Smartphone haben seit 2008 die Gewohnheiten der Menschen in Deutschland beim Kochen deutlich verändert: Die Deutschen sind kreativ und pragmatisch zugleich und suchen beim Kochen einen Ausgleich zu einem zunehmend fordernden Alltag. Kreativität als Motiv eine Mahlzeit zuzubereiten hat in den vergangenen Jahren deutlich zugelegt (+ 64 Prozent), so ein Kernergebnis der neuen Nestlé Studie „So kocht Deutschland“.

(“So kocht Deutschland” – die Highlights der Studie)

Gemeinsam mit dem Marktforschungsunternehmen Kantar TNS hat der Lebensmittelhersteller 3.000 Bundesbürger zu ihren Kochgewohnheiten befragt und über 1.000 Koch-Tagebücher ausgewertet.

Dabei sind die Deutschen in der Küche durchaus pragmatisch. 25 Minuten dauert die Zubereitung einer Mahlzeit im Durchschnitt. Bei jedem dritten Gericht heißt es nach nicht einmal zehn Minuten: „Essen ist fertig!“
Die Welt wird immer komplexer, und die Menschen haben immer weniger Zeit. Da muss das Essen auch mal schnell gehen und einfach sein. Kochen ist für die Deutschen immer auch eine kleine analoge Auszeit im komplexen und hektischen Alltag. Also eine Art sinnliches Erlebnis im Gegensatz zum virtuellen Dauer-On im Zeitalter von Touchpads und Smartphones. Sie wollen nicht perfekt kochen, sondern einfach mit Spaß und ohne Druck in der Küche stehen“, erklärt Katja Popanda.

Foto: Nestle

Gleichzeitig möchten die Deutschen ihren Speisen eine persönliche Note geben, aber auch den Aufwand in der Küche begrenzt halten. „Das Ergebnis“, so Katja Popanda: „Ein Kompromiss aus fertigen Lebensmitteln und Eigenleistung“.

Dies gilt vor allem für jüngere Personen, die so genannten Millennials (Jahrgang 1980 – 1995): Nur sieben Prozent von ihnen sagen, dass Kochen für sie bedeutet, dass sie alles selber machen müssen. „Das Attribut ‚selbst gekocht‘ wird heute viel freier interpretiert“, sagt Popanda.

Für 44 Prozent ist es völlig in Ordnung, Fertiggerichte und Halbfertiggerichte mit zu verwenden. Bei den Babyboomern (Jahrgang 1946 – 1964) sind dies nur 39 Prozent. Hier ist für 16 Prozent Kochen nur dann Kochen, wenn ausschließlich frische Zutaten verwendet werden. „Die Grenzen zwischen den Kategorien verschwimmen immer mehr. Insbesondere den Jüngeren ist es wichtig, wieder mit Spaß in der Küche zu stehen. Etwas mit den Händen zu tun, hat dabei in der digitalen Welt sehr an Bedeutung gewonnen. Das Kochen kann diese Funktion übernehmen“, sagt Marktforscherin Popanda.

Inspirationsquelle Nummer 1 ist für die kreativen Pragmatiker inzwischen das Internet: „Die digitalen Medien helfen den Deutschen, das Kochen zu vereinfachen.“ 56 Prozent der Rezepte stammen von Websites, Youtube, Blogs oder Apps, bei den Millennials steht dieser Wert sogar bei 76 Prozent.

Bei den Babyboomern – den „Paper Natives“ – liegen nach wie vor Bücher und Zeitschriften als Inspirationsquelle fürs Kochen an erster Stelle, nur 44 Prozent von ihnen lassen sich über das Internet inspirieren. Sieben von zehn Deutschen planen ihre Mahlzeit erst am selben Tag. Nur jeder zweite Deutsche kocht dabei noch täglich (52 Prozent), 2008 waren dies noch fast zwei von drei Bundesbürgern (62 Prozent).

Was auf den Tisch kommt, entspricht eher einer traditionellen Rollenverteilung und liegt in der Mehrzahl der deutschen Haushalte nach wie vor eher in weiblicher Verantwortung: Zu 85 Prozent bereiten die Frauen das Essen zu, nicht einmal jeder zweite Mann lässt sich vor dem Essen in der Küche blicken (49 Prozent). Auch die ganz Jungen – die 14- bis 19-jährigen – bleiben mehrheitlich dem heimischen Herd fern. Nur 29 Prozent beteiligen sich am Kochen.

Weniger ist mehr gilt bei den Deutschen beim verwendeten Kochgeschirr: „Um Zeit bei der Essenszubereitung zu sparen, versuchen Viele möglichst wenig Geschirr zu verwenden. Wir sehen einen Trend zu Eintopf- oder Einpfannen-Gerichten“, sagt Katja Popanda. So findet sich inzwischen in 41 Prozent der Küchenschränke ein Wok (2008: 29 Prozent). 18 Prozent vermeiden sogar Gerichte, bei denen sie zu viele Töpfe und Pfannen brauchen.

Gerade einmal 23 Minuten dauert eine Mahlzeit in einem deutschen Haushalt noch. 36 Prozent aller Mahlzeiten finden gar nicht mehr am Esstisch statt, bei 38 Prozent wird nebenbei noch etwas Anderes gemacht. Für 62 Prozent der Befragten ist Nachwürzen kein Problem – sei es mit Salz, Pfeffer oder fertigen Soßen.

Auch beim Aufräumen der Küche nach dem Essen teilen sich die Geschlechter. Die Männer sind wesentlich fixer als die Frauen. Nach zwei von drei Mahlzeiten ist die Küche bei den Männern in maximal zehn Minuten wieder aufgeräumt.

Im Durchschnitt nehmen sich die Deutschen knapp eine Viertelstunde fürs Aufräumen Zeit.

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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