Die Pseudo-Demokratie und unsere „inneren Bilder“

Lesezeit: 3 Minuten

Lippmann BUCH – „Die öffentliche Meinung“ – Wie sie entsteht und manipuliert wird

„Die“ Wahrheit gibt es nicht!
Sind sie jetzt schockiert?
Warum?

Sie leben doch auch nur in „Ihrer“ Wirklichkeit! Oder sind sie etwa nicht empört über so manche ganz und gar falsche, realitätsferne Vorstellung die sie in Kommentaren in sozialen Netzwerken vorfinden. Haben sie doch erst gestern die einzig wirkliche Wahrheit in den Abendnachrichten gehört oder gesehen.

Vorschlag von mir: Spätestens jetzt sollten sie sich für einen 96 Jahre alten Klassiker interessieren der am 1. August erstmals auf Deutsch erschien: „Die öffentliche Meinung“ (amerikanisches Original 1922) von Walter Lippmann.

Ist dieses Buch eine zynische, machiavellistische Anleitung zur Massenmanipulation? Oder handelt es sich um eine frühe Mahnung vor den verheerenden Folgen moderner Propagandatechniken“ fragt Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Teusch auf seinem Blog „augenaufunddurch.net

Ist unsere Demokratie das, was Abraham Lincoln mit „government of the people, by the people, for the people“ definierte? Und wer sind „the People“? Wirklich das Volk?

Mit der Demokratie ist es eine vertrackte Sache. Alle Staatsgewalt, sagt man, geht vom Volke aus. Aber wo geht sie hin? Was genau bedeutet „Herrschaft des Volkes“? Dass alle herrschen? Aber über wen herrschen sie dann? Wiederum über alle, lautet die Antwort, also über sich selbst – ein theoretisches Dilemma.“ (U. Teusch)

Ist es nicht eher so, dass das Volk nur seinen von anderen erzeugten großen „inneren Bildern“ glaubt, und den Wiederspruch zur beschränkten eigenen kleinen „sichtbaren soziale Welt“ (die Handlungswelt) den „inneren Bildern“ unterordnet?

384 Seiten, 26 Euro

Lippmann wusste, dass Worte und Sprachbilder soziale Realitäten gestalten“, sagt dazu der Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte, Walter Ötsch im Interview mit den NachDenkSeiten.

Eine moderne Demokratie lebt von der Spannung unterschiedlicher Machtsysteme: der Macht des Geldes von reichen Personen und bedeutenden Firmen, der Macht politischer Eliten, der Macht einer kritischen Öffentlichkeit oder der Zivilgesellschaft und der Macht politischer Mehrheiten … Massenmedien und die sozialen Medien“.

Wenn einem bewusst ist, das all „diese Akteure, die sich in diesen Machtsystemen bewegen, ein Interesse daran haben, ihre Sicht in der Öffentlichkeit zu etablieren, dann wird klar, warum auch in einer Demokratie Manipulation und Propaganda Normalität sind.“ (W. Ötsch)

Diese Normalität ist also eine „Wirklichkeitskonstruktionen“, sie schafft -ganz im Sinne des Konstruktivismus- mithilfe von Sinneswahrnehmungen ein eigenes Bild der Welt. Wahr ist, was wahr-genommen wird.

Ihre ganz eigene Wirklichkeit lieber „Bürgersicht“-Leser ist,
solange sie die Mechanismen zur Erlangung nicht verstehen, einfach nur eine Simulation.

(Böse, ich weiß)

Am Schluss noch ein Auszug aus dem Vorwort zur Deutschen Übersetzung mit der -etwas euphemistisch angehauchten- Themenbeschreibung zur systematischen Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch die Schaffung von Stereotypen und das Erzeugen von Bildern :

Walter Lippmann beginnt „Die Öffentliche Meinung“ mit seinem Kerngedanken: Menschen verfügen über keinen einfachen und direkten Zugang zu der „äußeren Welt“, stattdessen ist eine „Pseudo-Umwelt“ dazwischen angesiedelt. Allein auf diese [imaginäre] Vorstellungswelt reagieren Menschen. Aber ihr Handeln hat Folgen, – nicht in der Vorstellungswelt, sondern in der Realität, der Handlungswelt. Dieser Unterschied stellt für Lippmann den Schlüssel schlechthin dar, um die moderne Gesellschaft zu verstehen und der Frage nachzugehen, wie sie gestaltet werden kann.

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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