Bild Gauland: Metropolico.org  CC BY-SA 2.0

SPD Kreisvorsitzender und AfD Gaulands „Vogelschiss“ – (Mit Gaulands Redetext)

Lesezeit: 4 Minuten

Markus Käsers Interpretiert ein Zitat und unterschlägt dabei etwas äußerst wichtiges.

Der Partei- und Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland hielt am 2. Juni eine Rede auf dem Bundeskongress der Parteijugend Junge Alternative. In dieser Rede, bzw. in einem Zitat daraus erkannte zum Beispiel der SPD-General Klingbeil eine „Perfide AfD-Strategie, deutsche Geschichte umzuschreiben“, und ohne Gauland zu erwähnen sah Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier darin einen „einzigartigen Bruch mit der Zivilisation“ und eine “Verhöhnung von Millionen Opfern“.

Was hatte Gauland gesagt?

Bekannt und ausgiebig in der Presse zitiert wurde eine markante Passage aus seiner Rede. Sie lautet „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“ (Gauland bestand darauf, nicht „Vogelschiss“ sondern „Fliegenschiss“ gesagt zu haben. „Eine der verachtungsvollsten Charakterisierungen, die die deutsche Sprache kennt“. Der von der AfD veröffentlichte Redetext gibt das aber nicht her)

Interessanter aber ist, in welchem Kontext dieses so ausgiebig skandalisierte Zitat eigentlich fiel. Betrachtete man den Kontext (siehe unten), würde es dann immer noch so skandalträchtig Wirbel auslösen?

Eine Betrachtung, die dem Pfaffenhofener SPD Landtagskandidat und Kreisvorsitzende Markus Käser offensichtlich nicht in den Sinn kam, wie seine nachfolgende Pressemitteilung vermuten läßt.

(Nachfolgend seine Pressemitteilung)

Einen Vogelschiss, die Zeit des Nazi-Terrors, kann man leicht wegwischen.
Genau das hat Gauland gemeint.

60 Millionen Tote – ein Vogelschiss?
Das bestialische Verbrechen des Holocaust – ein Vogelschiss?
Millionen von Kindern, Frauen und Zivilisten, die im Krieg ihr Leben verloren – ein Vogelschiss?
Und auch fünf Millionen tote deutsche Soldaten: Ehemänner, Väter und Brüder, viele von ihnen irgendwo verscharrt, in Hitlers Vernichtungskrieg – ein Vogelschiss?

Gauland mag wieder einmal bewusst versucht haben, eine verbale Grenze zu überschreiten – dieses Mal ist er zu weit gegangen.
Für den Möchtegern-Ornithologen Gauland mögen die persönlichen Schicksale von Millionen – von Anne Frank, Sophie Scholl oder auch den Kriegsopfern Pfaffenhofener Familien – ein Vogelschiss sein.

Aber der Politiker Gauland, der so schamlos die Würde aller Opfer diskreditierte, hat sein wahres Gesicht gezeigt:
Ein Grabschänder, der weder in der Politik noch in der Vogelkunde etwas verloren hat.

(Käsers Pressemeldung Ende)

Und hier nun der gesamte Ausschnitt aus Gaulands Rede, aus dem das Zitat stammt:

Wortlaut der umstrittenen Passage der Rede von Alexander Gauland
(Beim Kongress der Jungen Alternative am 2. Juni

„Aber wir wollen weder in der Welt noch in Europa aufgehen. Wir haben eine ruhmreiche Geschichte, die länger dauerte als 12 Jahre. Und nur wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten.

Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte. Und die großen Gestalten der Vergangenheit von Karl dem Großen über Karl V. bis zu Bismarck sind der Maßstab, an dem wir unser Handeln ausrichten müssen. Gerade weil wir die Verantwortung für die 12 Jahre übernommen haben, haben wir jedes Recht den Stauferkaiser Friedrich II., der in Palermo ruht, zu bewundern. Der Bamberger Reiter gehört zu uns wie die Stifterfiguren des Naumburger Doms.

Liebe Freunde, denken wir immer daran, dass ein deutscher Jude, Ernst Kantorowicz, den Ruhm des Stauferkaisers beschrieben hat. Nein, der Islam gehört nicht zu uns. Unsere Vorfahren haben ihn 1683 vor Wien besiegt. Aber das deutsche Judentum von Ballin und Bleichröder über Rathenau und Kantorowicz war Teil einer deutschen Heldengeschichte, die Hitler vernichten wollte.

Liebe Freunde, uns muss man nicht vom Unwert des Nationalsozialismus überzeugen. Wir haben diesen Unwert im Blut. Aber, liebe Freunde, wer eine Rot-Kreuz-Flagge aus den letzten Tages des Kampfes um Berlin entsorgt, hat keine Achtung vor soldatischen Traditionen, die es jenseits der Verbrechen auch in der Wehrmacht gab.“

(Redeausschnitt Ende)

In diesem Zusammenhang gesehen, finde ich das „Fliegen-Vogelschiss“ Zitat doch sehr absichtsvoll aus dem Zusammenhang gerissen.

Gauland ist sicher ein geschickter Provokateur. Nur eine Rede, in der er 1000 Jahre deutsche Geschichte ansprach, in der die 12 Jahre der grauenhaften Nazizeit auf dieser Zeitachse eine Minorität darstellen, wird nur für jene skandalträchtig nutzbar, die den Kontext absichtsvoll ausblenden um sich davon einen wie immer gearteten Vorteil versprechen.

Lieber Markus Käser, als SPD-Sympathisant bin ich sehr enttäuscht. Ich möchte doch meinen, du hättest auch angesichts des beginnenden Wahlkampfs mehr drauf.

Bernd Schuhböck

 

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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