Steht für Journalismus wie er heute zu sein hat: Faktennegierend, ideologiefest und missionarischer Eifer- Katrin Eigendorf, ZDF-Journalistin (Screenshot aus „Markus Lanz“)

Vom Krieg und der Notwendigkeit des zweiten Blicks

Lesedauer 6 Minuten

Warum bequem medial aufbereitetes Dosenfutter essen wenn man selbst kochen könnte?

Das Volk, getäuscht durch den falschen Schein des Guten, begehrt oft sein Verderben und lässt sich leicht durch große Hoffnungen und übertriebene Versprechungen verführen“. (Machiavelli)

(Der nachfolgende Text von Tom J. Wellbrock erschien zuerst auf der Seite der“Neuland Rebellen„. Wir danken für das Recht der Zweitveröffentlichung)

Nichts verkauft sich einfacher als Krieg

Der Krieg in der Ukraine macht deutlich, dass wir es mit einem gravierenden gesellschaftlichen Problem zu tun haben. Zusammenhänge werden nahezu komplett ausgeblendet – und zwar aus Bequemlichkeit und mit Methode.

Bevor die Duma in Russland entschied, die Volksrepubliken anzuerkennen, spielte die Ukraine in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle, Donezk und Lugansk erst recht nicht. Die wenigsten Menschen wussten, dass die Westukraine schon seit acht Jahren die Volksrepubliken attackierte. Das änderte sich – bildlich gesprochen – schlagartig, als Russland in die Ukraine ging, um nach eigener Aussage die Volksrepubliken zu schützen und eine Entmilitarisierung und Entnazifizierung in der Ukraine vorzunehmen.
Was folgte, war eine Welle der Solidarität mit dem ukrainischen Volk und der Regierung in Kiew.

Der Krieg kriegt Aufmerksamkeit

Wer die Schuld am Krieg in der Ukraine trägt, war schnell ausgemacht, und oberflächlich betrachtet ergibt das auch Sinn. Wladimir Putin ist völkerrechtswidrig in die Ukraine einmarschiert, ist daher der Aggressor und ohne Wenn und Aber schuld an diesem aktuellen Konflikt. Und tatsächlich fällt es schwer, dieser Einordnung zu widerstehen oder ihr zu widersprechen.
Doch es gibt ein paar Probleme mit dieser Sicht auf das Geschehen.

Zunächst einmal dauerte es nicht lange, bis die ersten Kritiker sich meldeten und denen, die mit ganzem Herzen die Ukraine als Opfer und Putin als Täter einordneten und für die Kriegsopfer spendeten, vorwarfen, sie seien Heuchler. Natürlich ist es keine Heuchelei, für Menschen zu spenden, die in Kriegsgebieten leben müssen. Ein Krieg ist in erster Linie für die Zivilisten grausam, insbesondere für die, die keine Möglichkeiten haben zu fliehen oder sich sonst wie zu schützen. Gleichzeitig ist diese Spende aber auch eine gute Gelegenheit, sein Gewissen ohne großen Aufwand zu beruhigen. Denn wie viele Spender, die derzeit Geld in die Ukraine schicken (und hoffen, dass es auch ankommt, wo die Hilfe benötigt wird), haben für die Menschen im Jemen gespendet? Für die Syrer? Oder haben Spenden nach Afghanistan geschickt?

Machen wir uns nichts vor, es werden die wenigsten sein. Aber nicht etwa, weil sie herzlos sind und sich nicht für das Leid der Menschen in Kriegen interessieren. Sondern weil sie medial auf diese Kriege nicht aufmerksam gemacht werden. Die Relevanz von Kriegen wird ihnen gewissermaßen pädagogisch aufgetragen.

Warum gab es keine massenhafte, weltweite Verurteilung der unzähligen Kriege, die die USA angefangen haben? Warum konnte Madeleine Albright, angesprochen auf die halbe Million Kinder, die im Irak wegen der US-Sanktionen gestorben sind, antworten, das sei den Preis wert gewesen? Warum konnte ein grauenhafter Krieg wegen angeblicher Massenvernichtungswaffen im Irak begonnen werden, obwohl es nie einen Beweis für diese Waffen gab?

Die Liste ließe sich fortsetzen, und immer waren es die Amerikaner, die ihren Finger am Abzug hatten, die bis heute in illegalen Gefängnissen foltern, ohne Anklage, ohne Gerichtsverhandlung, die der Welt ihren Willen mit jedem nur erdenklichen Mittel (vornehmlich Gewalt) aufzwingen wollen und dabei keinerlei Skrupel zeigen.

Doch diese Kriege werden medial hochwirksam und in propagandistischer Perfektion als „gute“ Kriege verkauft, als Kriege für die Freiheit, die Demokratie, die Menschenrechte. Das könnte falscher kaum sein, und damit sind wir wieder bei den Spendern für die Ukraine.

Wem helfen Spenden?

Mal angenommen, Sie erfahren von einem Krieg, in dem Faschisten die Aggressoren sind. Was würden Sie tun? Vermutlich würden Sie, wenn Sie etwas spenden wollten, den Opfern dieses Krieges, also den Angegriffenen, Geld zukommen lassen. Denn wer spendet schon für Faschisten?

Nun setzt das aber voraus, dass Sie etwas über die Hintergründe des Krieges wissen. Es kann ja jeder kommen und Ihnen erzählen, wer der Faschist ist und wer das demokratische Opfer. Dummerweise erfahren Sie aber durch Politik und Medien nichts über die Hintergründe. Man sagt Ihnen, wer der Faschist (Autokrat, Diktator) ist, Sie müssen das glauben. Und meist tun Sie das auch gern, denn sich selbst über die Hintergründe zu informieren, bedeutet einen gewissen Rechercheaufwand, den sich viele Medienkonsumenten gern sparen.

In der Ukraine besteht genau dieses Problem: Sie lesen und hören den lieben langen Tag, dass „Putins Krieg“ aus purer Böswilligkeit und Machtbesessenheit geführt wird, dass die Ukraine erst der Anfang sei und weitere Länder folgen würden. Aufgebaut wird also ein schreckliches Bedrohungsszenario. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

Denken Sie, dass Putin für den Krieg in Syrien verantwortlich ist? Oder dass er Georgien angegriffen hat? Es wäre nicht überraschend, wenn Sie das täten, denn so wird es Ihnen erzählt, immer und immer wieder.

Nun stellen Sie sich aber vor, dass der Sachverhalt ein völlig anderer ist. Putin wurde als Verbündeter Syriens um Hilfe gebeten und hat daher keineswegs völkerrechtswidrig agiert. Und den Krieg in Georgien hat er auch nicht begonnen, vielmehr war es Georgien, das den Kaukasus-Krieg begonnen hat. Später wurde Russland zwar unverhältnismäßiges Verhalten vorgeworfen, doch der Aggressor war nicht Putin.

Nun können Sie meinen Aussagen glauben, oder denen, die Sie in den Medien hören, sehen und lesen. Das ist aber gar nicht der Punkt. Entscheidend ist vielmehr, dass Sie hier sehen können: die einfache Schuldzuweisung funktioniert nicht. Damit stecken Sie aber in der Klemme.

Denn wenn Sie weiterhin Opfern helfen und spenden wollen, müssen Sie sich fragen, welcher Partei Sie denn letztlich unter die Arme greifen wollen. Natürlich könnten Sie sagen, dass es egal ist, denn russische Zivilisten leiden genauso wie ukrainische. Und damit haben Sie ohne Zweifel recht. Aber im Allgemeinen wird ja mehr von Ihnen erwartet. Sie sollen frieren für die Niederlage Russlands, sollen mit dem Auto nur noch 100 km/h auf der Autobahn fahren. Und dass alles irgendwie teurer wird durch diesen Krieg bzw. die Sanktionen, das müssen Sie auch noch akzeptieren, wenn Sie wirklich alles richtig machen wollen.

Was aber, wenn sich herausstellen sollte, dass die ukrainische Führung längst nicht so demokratisch ist, wie Sie denken, wie es Ihnen erzählt wird? Was, wenn sich herausstellen sollte, dass die Ukraine schon seit Jahrzehnten benutzt (und ausgenutzt) wird, um Russland zu provozieren und zu schwächen? Was, wenn sich herausstellen sollte, dass die von Putin angesprochene Entnazifizierung der Ukraine dringend notwendig ist?

Wollen Sie Antworten?

Vielleicht (im besten Fall, aus meiner Sicht) sind Sie jetzt ins Grübeln gekommen. Womöglich sind Sie sich jetzt nicht mehr ganz so sicher, ob das, was Ihnen jeden Tag erzählt wird, wirklich den Tatsachen entspricht.

Ich möchte Sie dazu ermuntern, denn es ist spannend, sich mit Hintergründen zu beschäftigen, die über tägliche Headlines und emotionalisierte Berichterstattung hinausgehen. Kriege haben nämlich immer mindestens zwei wesentliche Aspekte, den emotionalen und den pragmatischen. Es ist schwer bis unmöglich, die Emotionen dabei sachlich zu betrachten, und es sollten möglichst die pragmatischen Faktoren nicht emotional betrachtet werden. Viele Menschen denken, dass die schrecklichen Bilder, die uns zugespielt werden, gar nichts anderes zulassen als die Fokussierung auf die Gefühle. Doch dem ist nicht so, und niemand ist herzlos, wenn er sich pragmatisch den Hintergründen eines Krieges zuwendet.

Abschließend ist noch die Frage nach Antworten zu klären. Dieser Text liefert keine. Er soll keine liefern. Vielmehr stellt er gewisse Dinge in Frage und andere in den Raum. Die Einordnung liegt ganz bei Ihnen. Denn es wäre unsinnig, wenn ich Ihnen empfehle, nicht den immer gleichen Erzählungen zu folgen, um Ihnen sogleich eine eigene zu bieten, an der Sie sich orientieren sollen.

Insofern: Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, selbst auf die Recherchereise zu gehen, wünsche ich Ihnen viel Spaß und vor allem Erfolg.

Nur noch ein Tipp zum Schluss: Wenn Sie auf Informationen stoßen, die sich verdächtig ähneln, zuweilen sogar den gleichen Wortlaut verwenden, haben Sie wahrscheinlich noch nicht tief genug gegraben.

Aber niemand hat gesagt, es würde einfach werden.

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