Von den verlogenen Farbkastenspielen in der deutschen Gesellschaft

Lesedauer 8 Minuten

Von Regenbogen-Armbinden, bemalten Flugzeugen, Petitionen und dem deutschen Irrweg

Der Autor des nachfolgenden Artikels hat als Schwuler Deutschland verlassen und lebt nun mit seinem Freund und Lebenspartner in Russland. Denn, entgegen dem, was in Deutschland behauptet wird, „kann man als schwuler Mann in Russland gut leben“ betont der Autor. Im Gegensatz zur deutschen moralischen Hybris rund um das Thema LGBT, Regenbogenflagge und Diversität werde in Russland seine Sexualität weder politisiert noch instrumentalisiert. Die Diskussion über Minderheitenschutz und LGBT-Rechte habe in Deutschland jedes Maß verloren und sei längst in ihrem Gegenteil angekommen: Die Diskussion bedrohe die Freiheit.

Von Regenbogen-Armbinden, bemalten Flugzeugen, Petitionen und einem deutschen Irrweg

Von Gert Ewen Ungar

Das Thema LGBT wird in Deutschland instrumentalisiert − dies zeigt die WM in Katar deutlich. Die Diskussion ist nicht nur verlogen, sie ist auch blind gegenüber ihren Implikationen. Der deutsche LGBT-Extremismus schränkt Freiheit immer weiter ein.

Anlässlich der hysterischen Diskussion um LGBT-Rechte in Katar, die den Fußball in den Hintergrund rücken lässt, kann man nur hoffen, dass Deutschland in der Vorrunde rausfliegt und mit dem abflauenden Interesse an der WM auch das Gezeter etwas moderater wird. Die Diskussion in Deutschland um Symbole und Zeichen, die gezeigt und gesetzt werden müssten, hat jedes rationale Maß verloren. Es vergeht kein Tag, an dem auf die ganze Absurdität um Armbinden, Farbcodes und Symbole nicht nochmal eine Absurdität draufgesetzt würde.

Die Aufregung um Regenbogen-Symbole und LGBT-Embleme ist unerträglich in seinem Extremismus und seiner Doppelmoral. Und es handelt sich um eine Form des Extremismus, denn was sich in Deutschland gerade medial abspielt, ist ohne jede Bodenhaftung, rein ideologisch und von einer Verbissenheit, wie sie nur Eiferer an den Tag legen können. Es ist eine Form des Extremismus wie jeder x-beliebige andere religiöse oder weltanschauliche Fundamentalismus auch.

Der deutsche Extremismus hat die Farbe des Regenbogens

Deutlich zeigt sich die extremistische Haltung an der Kompromisslosigkeit, mit der Deutschlands mediale und politische Eliten ihre Message, die offensichtlich niemand hören möchte, in die Welt tragen wollen. Mit penetrantem, missionarischem Eifer und unter Inkaufnahme massiver Kollateralschäden muss die zentrale Botschaft, muss der Welt aufgezwungen werden, dass Diversity und Vielfalt super ist. Alle sollen klatschen − wer nicht klatscht, wer nicht mitmacht, wird ausgebuht. Es ist ein lächerliches Schauspiel, das Deutschland aufführt.

Wie jeder Extremismus hat auch der deutsche den Anspruch, universal und ewig zu sein. Unterhalb dieses Anspruchs tut’s der gemeine Fundamentalist eben nicht. Dem Eiferer sind Argumente, kulturelle Unterschiede − kurz: all das, was man eigentlich Diversität und Vielfalt nennt − völlig schnuppe. Wenn sein Anliegen, in diesem Fall das deutsche LGBT-Ding, überall in der Welt durchgesetzt ist, dann ist die Welt heil und wird ein besserer Ort, so der inbrünstige Glaube an die eigene Ideologie. 

Die LGBT-Besessenheit Deutschlands ist ein Extremismus. Ich will deutlich sagen, was diese LGBT-Besessenheit nicht erreichen wird: ihre Durchsetzung weltweit. Es würde die Welt auch nicht zu einem besseren Ort machen. Der deutsche Eifer vertieft lediglich die Gräben, denn wie man am aktuellen Vorgang um Katar sieht, ist auch dem deutschen Extremismus, wie jedem Extremismus, jegliche Form der Diplomatie und des Kompromisses fremd. Er setzt auf Teilung statt auf Einigung, sowohl im Inland als auch in der Außenpolitik.

Deutschlands Haltung macht die Welt nicht besser

Vor allem versteht der deutsche Extremismus − wie alle Formen des Extremismus − nicht, dass seine Sicht auf die Dinge Ausdruck einer bestimmten Kultur, eines in dieser Kultur wurzelnden Menschenbilds, eines gewissen zeitlichen Horizonts ist. Somit erweisen sich seine Annahmen und Postulate als relativ − nicht als absolut. Mit anderen Worten, er ist geographisch begrenzt und geht irgendwann vorbei. Zum Glück!

Bis es so weit ist, werden wir uns allerdings noch mit angemalten Flugzeugen auseinandersetzen müssen, die „eine klare Botschaft an die Welt senden“, wie der Diversity-Flieger der deutschen Lufthansa, der die deutsche Fußballmannschaft hingegen auf halbem Weg nach Katar in Oman abgesetzt hat. Auch das wird natürlich zum aufgebauschten Skandal. Die Fluggesellschaft versichert beruhigend und darum bemüht, die Wogen der Empörung der Eiferer zu glätten, es seien insgesamt 17 Flüge nach Katar geplant. Die Botschaft würde also dorthin geflogen, wo sie nach deutscher Auffassung dringend gehört werden müsse. Dann ist ja alles gut. 

Sportkommentatoren, die man eigentlich nicht sieht, werden medial weiterhin für ihren Mut gelobt werden, ihren Kommentar mit einem Kleidungsstück geäußert zu haben, auf denen der LGBT-Regenbogen in irgendeiner stilisierten Form zu sehen ist. Zeichen zu setzen ist das Allerwichtigste in diesen WM-Tagen.

Deutsche Symbolik: Zeichen setzen und Botschaften senden

Oliver Knöbel alias Olivia Jones, Deutschlands bedeutendster Damen-Imitator, Mitglied der Bundesversammlung und damit im Gegensatz zu den Lesern dieses Textes berechtigt, den Bundespräsidenten zu wählen, fordert Manuel Neuer, Kapitän der deutschen Mannschaft, in einer Petition zum Tragen einer regenbogenfarbenen Armbinde auf. Obwohl viele Medien auf die Petition hinweisen, ist der Zuspruch eher mau. Der deutsche LGBT-Extremismus ist nämlich außer weltfremd und unangenehm missionarisch zusätzlich noch eines: ein dekadentes Elitenprojekt deutscher Medien und Politik.

Angesichts der Energiekrise, der Inflation und einer unsicheren Zukunft hat der Großteil der Deutschen andere Sorgen als das Tragen bunter Armbinden durchzudrücken, um damit irgendwelche indifferenten Zeichen zu setzen, Farbe zu bekennen und sich für Rechte einzusetzen, von denen die Mehrheit der Deutschen schlicht nicht profitiert. 

Anlass der Petition von Olivia Jones ist gewesen, dass der DFB vor der FIFA eingeknickt war, die eine Politisierung der Sportkleidung der Spieler verboten hatte. Mit der an die Regenbogenfarben angelehnten One-Love-Binde wollte man in Katar − was wohl? − „ein Zeichen setzen“, durfte aber nicht. Jetzt werden die Petitionen zur Durchsetzung deutscher Symbolpolitik rausgekramt.

Haltung zeigen, vor allem dann, wenn es nichts kostet

Auch Innenministerin Faeser hat sich zur Aufgabe gemacht, zumindest in dieser Sache Haltung zu zeigen. Das ist recht und vor allem billig. Der Konflikt würde auf dem Rücken der Spieler ausgetragen, meinte sie in einem Tweet. Einen Rückzieher mit dem Ziel, den Rücken der Spieler zu entlasten, will sie aber auch nicht machen. Extremismus eben.

Zeichen zu setzen und Symbolik sind die zentralen Elemente dieser absurden Diskussion, die mit ähnlicher Inbrunst und Verbissenheit ausgetragen wird, wie über die Frage diskutiert wurde, ob in deutschen Klassenzimmern ein Kreuz hängen soll oder nicht. Man macht sich mit dieser verbissenen, kompromisslosen Haltung mit Sicherheit keine Freunde in der Welt. Das Stück, das Deutschland gerade auf der Weltbühne aufführt, wirkt verschroben und exzentrisch.

Man mag an dieser Stelle einwenden: „Ja, aber die LGBT-Community dort ist schrecklichen Drangsalen ausgesetzt.“ Die Antwort darauf ist ganz schlicht: Das mag sein, aber es geht euch nichts an. Eine Fußball-WM ist das falsche Forum. Man nimmt Deutschland angesichts der deutschen Außenpolitik die Sorge um Minderheiten zudem schlicht nicht ab. Es ist geheuchelt. Menschenrechte werden von Deutschland politisch instrumentalisiert. 

Deutschlands Position ist verlogen

Deutschland hat keine Skrupel, sich an völkerrechtswidrigen Sanktionen beispielsweise gegen Syrien zu beteiligen, die das Ziel haben, einen derart umfassenden Mangel zu erzeugen, dass es zu Hungerrevolten gegen die Regierung kommt. Von der Ukraine und dem, was dort an Unrecht und Diskriminierung passiert, was von Deutschland gedeckt und von deutschen Medien verschwiegen wird, will ich hier gar nicht sprechen. Deutsche Außenpolitik ist in einer Weise brutal, menschenverachtend und verlogen, dass keine Nation dieser Welt die zur Schau gestellte deutsche Sorge um eine Minderheit in einem kleinen Land, dessen Einwohnerzahl geringer als die Berlins ist, ernst nehmen kann. Man sieht darin lediglich den Versuch der politischen Einflussnahme und die Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten unter dem Deckmantel des Schutzes von LGBT-Rechten.

Das bedeutet nicht, dass ich denke, in Katar sei alles in Ordnung und in bestem Zustand, aber es geht deutsche Sportreporter, die deutsche Elf, die deutschen Verbände, die Lufthansa absolut nichts an. Es ist nicht ihr Metier. Gebt euch dem Fußball hin. Es wurde für die Kritik schlicht das falsche Forum gewählt und ist daher plumper Populismus. 

Das deutsche Intoleranzproblem

Man erlaube mir eine ganz persönliche Anmerkung in diesem Zusammenhang, denn hier wird auch meine Lebensweise zu Zwecken instrumentalisiert, die nicht in meinem Interesse sind. Ich habe als Schwuler Deutschland verlassen und bin nach Russland gegangen. Deutschland wurde mir zu gefährlich; nicht als Schwuler, aber als jemand mit einer eigenen, vom deutschen Narrativ abweichenden Meinung. Mit anderen Meinungen tut sich Deutschland nämlich gerade wieder einmal sehr schwer. Ich lebe hier mit meinem Freund und Lebenspartner. Entgegen dem, was in Deutschland behauptet wird, kann man als schwuler Mann in Russland gut leben.

Ich lebe lieber in der russischen Gesellschaft, in der es zwar eine gut funktionierende queere Subkultur, aber keine öffentlichen Gay Prides gibt, als in einer deutschen Gesellschaft, in der meine Sexualität politisiert und instrumentalisiert wird und die Meinungsfreiheit immer weiter mit dem angeblichen Ziel eingeschränkt wird, ich müsste vor Diskriminierung geschützt werden. Das bedeutet nicht, dass ich gerne beleidigt und benachteiligt werde, aber dafür gibt es bestehende Gesetze − es ist fraglich, ob es dafür neue braucht, die nur für einen bestimmten Personenkreis gelten.

Was ich meine, ist, es muss die Möglichkeit zur Kritik geben. In Deutschland wird dies zunehmend unmöglich gemacht. Die Diskussion über Minderheitenschutz und LGBT-Rechte hat in Deutschland jedes Maß verloren und ist längst in ihrem Gegenteil angekommen: Die Diskussion bedroht die Freiheit. 

Die LGBT-Forderungshaltung befreit nicht mehr, sie öffnet keinen Horizont, sondern engt ein. Sie verhindert und verbietet unter dem Deckmantel der Antidiskriminierung und des Minderheitenschutzes offene Diskussionen, sie ist intolerant und diskriminierend geworden. Ich möchte aber nicht in einem Land leben, in dem Kritik und Auseinandersetzung reglementiert und immer weiter eingeschränkt werden und das obendrein immer ungleicher wird. Dies ist in Deutschland inzwischen der Fall. Minderheitenschutz wird dazu benutzt, den Korridor der zugelassenen Meinungen zu verengen. Das ist gefährlich und eine schlechte, totalitäre und antidemokratische Entwicklung. Das ist auch dann eine gefährliche Entwicklung, wenn man wie ich eigentlich zu der davon begünstigten Personengruppe gehört. Man sollte als queerer Mensch dazu nicht schweigen. Die deutsche moralische Hybris rund um das Thema LGBT, Regenbogenflagge und Diversität verdeckt zwei Dinge: die Niedertracht deutscher Außenpolitik und die Tatsache, dass Deutschland immer unfreier wird. 

Das mediale Eindreschen auf ein kleines Drei-Millionen-Einwohner-Land hingegen ist kein Ausdruck großen Mutes, kein Ausdruck moralischer Stärke, sondern Ausdruck absoluter Verlogenheit der deutschen Politik, der deutschen Medien und weiter Teile der deutschen queeren Community. 

Der Text von Gert Ewen Ungar erschien zuerst auf „RT“. Wir danken dem Autor für das Recht der Zweitveröffentlichung)

update – Einen Tag nachdem Gert Ewen Ungar obigen Text schrieb, wurde in Russland das LGBT-Gesetz (keine Werbung für LGBT-Inhalte) verschärft. Es gilt jetzt nicht mehr nur für Minderjährige, sondern ist altersunabhängig. Gleichgeschlechtliche Lebensweise und Transsexualität dürfen künftig nicht als attraktive und erstrebenswerte Lebensweisen dargestellt werden. Unger geht darauf in einem neuen Artikel ein. Er sieht in dem Gesetzesverschärfung keine Veränderung „für mein Leben hier in Russland“, denn Werbung für LGBT machen eigentlich ausschließlich LGBT-Organisationen, die aus dem Ausland unterstützt und finanziert werden. Die Verschärfung des Gesetzes diene -ihm zufolge- hauptsächlich zur Abwehr gegen eine fremde, westliche Agenda.

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