Assange`s Auslieferung und die Pharisäer in den deutschen Medien.

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Erst profitierten sie von ihm und nun rühren sie keinen Finger für ihn.

Das waren noch Zeiten beim „Spiegel“ als man von einer einzigen Ausgabe allein 1,106 Mio. Hefte verkaufte. So einzigartig, dass man diese Ausgabe – die Ausgabe 48/2010 (“Enthüllt – Wie Amerika die Welt sieht“)- nachdruckte und sie eine Woche länger am Kiosk ausliegen ließ.

Mit dieser dritten „Spiegel“-Enthüllungs-Titelgeschichte zum Thema Wikileaks, diesmal mit Geheimdokumenten „zu sehr sensiblen außenpolitischen Themen“ (interne Warnung des Pentagon an den  US-Kongress zur bevorstehenden Veröffentlichung) übersprang man beim Hamburger Verlag -neben einzelnen Titeln zum Irak-Krieg- die Auflagenhöhe von 1,1 Millionen Exemplaren für einen Titel. (Die verkaufte Auflage sank danach um gut 33% und lag im 1. Quartal 2019 bei durchschnittlich 701 Tsd.)   

Doch an diese -auflagebezogenen- besseren Zeiten erinnert man sich vermutlich nur noch in Form lorbeerumflochtener Titelseiten in den Gängen des Verlagsgebäudes, nicht aber an die für Deutschland exklusiv genutzte „Quelle Wikileaks“, der sie diese Erfolge verdankten.

Kein Meinungsartikel oder Kommentar zur Verhaftung von Julian Assange oder seiner nun drohenden Auslieferung an die USA. Keine Kritik daran.

Kein bündeln von Informationen, kein gewichten und einordnen der Vorgänge. Also nichts davon, was Medien an anderer Stelle für sich in Anspruch nehmen, wenn sie lediglich von „Quellen“ zugespieltes mit journalistischer Eigenleistung vorgaukelnden Superlativen wie „enthüllt“, „aufgedeckt“ oder „exklusiv“ veröffentlichen.

Was dürfte man sich damals beim Spiegel gefreut haben, als Julian Assange ihnen (neben dem „Guardian“ und der „New York Times“) geleaktes, exklusiv zu nutzendes Material angeboten hatte.

Journalisten freuen sich über Exklusivmaterial. Es verspricht Aufmerksamkeit – und damit Auflage!“ sagt Journalistik-Professor Horst Pöttker. Und Exklusives braucht wohl Journalismus. Denn, so Pöttker, “Whistleblowing ist kein Journalismus, solange es dort keine Selektion gibt“.

Sieht man das z.B. beim „Spiegel“ auch so? Sind nur sie „die richtigen Journalisten“?

Schließlich habe man vor der Veröffentlichung z.B. sensible Daten eliminiert, also den Großteil in der Radaktion selber gewissenhaft „selektiert“. (Was nicht immer gelang)

Muss man sich jetzt, nachdem Assange die Auslieferung droht, überhaupt an die olle Kamelle erinnern, als der frühere republikanische Gouverneur von Arkansas, Mike Huckabee meinte, „ich glaube, alles andere als die Hinrichtung wäre eine zu milde Strafe“ als es mit Blick auf Wikileaks um die Weitergabe von Geheiminformationen ging?

Anscheinend nicht.

Kein besonderer Aufschrei, kein „Free Julian“ oder „Je suis Julian“ aus den Redaktionen unserer sonst so arg um die Pressefreiheit besorgten Journalisten.

Danke Julian Assange, dass du mit deiner Arbeit so viel für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Verlages getan hast, durften vor Jahren viele beim Spiegel-Verlag in sich hinein gemurmelt haben. Auch deren Journalisten.

Denn auch sie waren und sind über die „Spiegel-Mitarbeiter KG“ mit 50,5 Prozent am finanziellen Erfolg des „Spiegel-Verlags“ beteiligt.

Aber wirtschaftlicher Erfolg ist wie auch Dankbarkeit sehr, sehr vergänglich.

Und überhaupt. Warum sollte man für jemand noch Partei ergreifen, aus dessen Veröffentlichungen wir keinen Nektar mehr für uns ziehen können. Und wer weiß, eventuell kommt bald wieder ein Video mit einer “b’soffenen G’schicht” um die Ecke. Dann können wir wieder was Neues „aufdecken“.

(Oder man besinnt sich und ergreift endlich Partei. Zeit hätte man noch. Denndie britische Justiz will sich erst im kommenden Jahr mit dem Auslieferungsbegehren der USA befassen“.)

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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