Journalismus – Als aus dem „sagen, was ist“, ein „meinen, was sein soll“ wurde.

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Nicht nur die Causa Aiwanger zeigte aufschlussreiches dazu.

Wann haben wir übersehen, dass sich Berichterstattung in Agitation, und Journalisten in Propagandisten verwandelten?

Oder haben wir, die auch im 2.Quartal 2023 ausgewiesenen weiterhin sinkenden Auflagenzahlen für alle „überregionalen Zeitungen“ scheinen es nahezulegen, den Wandel doch bemerkt? Was in diesen Zeitungen an Journalismus geboten wird, divergiert offenbar mit den Erwartungen und Ansprüchen der Käufer, die sie an Nachrichten, Berichte oder ganz allgemein an Journalismus haben.

Betrachtet man nur die zurückliegende kampagnenartige Verdachtsberichterstattung zu Til Lindemann und Hubert Aiwanger, in denen mit allerlei semantischer Trickserei versucht wurde, Anschein als Tatsache zu verkaufen, muss man sich über den Niedergang des Berufszweigs Journalismus nicht wundern.

So wurde z.B. in mehreren Artikeln zur Causa Aiwanger darüber berichtet, Aiwanger soll, ein anonymer Zeuge will sich daran erinnert haben, Hitlers Buch „Mein Kampf“ im Schulpack gehabt haben. Um dem Leser die demokratiefeindliche Handlungsweise des Mitführens dieses Buches zu verdeutlichen, offenbarten einige Schreiberlinge in ihren Berichten dazu ihre Leerstellen in Allgemeinwissen und Recherchefähigkeit, indem sie behaupteten, dieses Buch sei „verboten“ gewesen. Hätten sie doch nur jemand gefragt, der sich statt mit Agitation, mit Fakten auskennt.

Denn obwohl das Land Bayern, nach Hitlers Tod die Besitzerin der Urheberrechte an seinem Buch, bis zum Erlöschen dieser Urheberrechte am 31. Dezember 2015 den Nachdruck verbot, waren weder das Buch, noch der Besitz je verboten.

Aber wann ging es in der Berichterstattung zu Aiwanger schon um Fakten?

Bei der „SZ“ erreichte die Schlagzahl der Aiwanger-Flugblatt-Antisemitismus Berichte ab der Einstiegsveröffentlichung „Das Ausschwitz-Pamphlet ….. das er geschrieben haben soll“ eine enorme Hausnummer (bei 15 habe ich aufgehört zu zählen), die sich von „Hubert Aiwanger auf der Kippe“, über „Aiwanger ist am Ende“, bis zu „Eine verhängnisvolle Affäre“ steigerten. Um am Ende darüber berichten musste, dass, wie Aiwanger es ausdrückte, die „Schmutzkampagne gescheitert“ ist.

Und das, obwohl ein SZ-Autor den -widerlegten- Ursprungsverdacht, Aiwanger hätte ein antisemitisches Flugblatt verfasst beiseiteschob und twitterte, „Auf die Urheberschaft kommt es nicht mehr an, der Rest ist schon schrecklich genug“. Welcher Rest? Wenn er damit den kümmerlichen Rest journalistischer Ethik, Aufrichtigkeit oder Professionalität meint würde ich ihm Recht geben. Ja, diese Erosion glaubwürdiger Presseorgane ist wirklich schrecklich.  

Doch dem mit Auflagenverlusten einhergehenden Bedeutungsverlust manches Ressortleiters oder leitartikelnden Chefredakteurs im Printbereich, dessen Leserschaft wie z.B. bei der „SZ“, über die Jahre von durchschnittlich täglichen 450 Tsd. auf aktuell 240 Tsd. verkaufte Exemplare zurückging, kann man ja mit Auftritten im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen kompensieren.

Sollten Journalisten üblicherweise Meinung von Nachrichten trennen (das Unterlassen von Wertungen in Nachrichten ist kennzeichnend für seriösen Journalismus) sitzen nun Personen, gerade wegen ihres journalistischen Backgrounds mit Politikern und Experten für irgendetwas in wöchentlichen Quasselrunden (Talkshows) zusammen, und geben -journalistisch fragwürdig- ihre privaten Meinung und Ansichten zum Besten.

Da sie berufsbedingt die tägliche Nachrichtenlage verfolgten, darüber schrieben oder vor Ort über etwas mehr oder weniger aktuelles berichten oder vor Kameras nacherzählen, sehen Fernsehredaktionen sie irgendwie als universell einsetzbare Experten an. Wobei deren Analysequalität oder Beobachtungsgabe eine substanziell ähnliche Fallhöhe aufweist, wie wenn ich die Gefühle meiner im Garten befindlichen Tomaten beim heranreifen beschreiben müsste.

Denn weder diese Journalisten noch ich haben über das Offensichtliche hinausgehende intime oder geheimdienstähnliche Informationen, die es erlauben würden, verborgene Wirklichkeiten ansprechen zu können.   

In diesen „Lanz“, „Illner“ „Hart aber fair“ oder „Maischberger“-Runden, diese erreichen pro Sendung im Durchschnitt zwischen 1-2 Millionen Zuschauer, wird dieser neuzeitliche „ich MEINE das und das“-Journalismus besonders deutlich.

Anstatt sich mit Beobachtungen, Vorgängen oder Sachverhalten einzubringen, ergehen sich diese Journalisten in persönlichen Wertungen und meinungsäußernden Stellungnamen. Und offenbaren auch hier, wie schon oben angeführt, mitunter Leerstellen in Allgemeinbildung und sachbezogenen Kenntnissen.

Da sitzt dann zum Beispiel -Achtung: für mich die offensichtlichste Negativfigur für eine Journalistin- Katrin Eigendorf. Diese lt. ZDF Information als „Kriegsreporterin“ ausgewiesene „Journalistin“, quasselt dort nicht etwa über etwas zu dem sie rapportiert, also gesehen hatte, sondern darüber, wie sie etwas sieht. Das Fakten dabei keine Rolle spielen, bewies sie z.B. in einem Gespräch bei „Lanz“, als sie, zur Bekräftigung ihrer offen russophob vorgebrachten Sichtweise, nach der der Russe schon immer bösartig gewesen sei, das Russland im August 2008 Georgien angegriffen habe. (Nur der Ordnung halber: Der Rest der Quasselrunde nickte bejahend)

Doch dass, was die -mir unverständlicherweise- für ihren „authentischen, menschenzugewandten und klar reflektierten Journalismus“ mit dem Augsburger Friedenspreis 2023 ausgezeichnete „Journalistin“ hier unwidersprochen einem Millionenpublikum unterjubeln durfte -womöglich war der Rest der Talkrunde gleichermaßen uninformiert- war falsch.
Hatte doch im September 2009 eine EU-Kommission festgestellt: Nein, nicht Russland habe Georgien, sondern Georgien habe Russland angegriffen.

Das ist er also, dieser zur Entfremdung führende, aber meinungsstarke Journalismus. Zuweilen ohrfeigenwürdig uninformiert, krass tendenziös und nie darum verlegen, sich als die richtige Meinung vertretend zu fühlen.

Um es mit einem Vergleich zu sagen: Wir mögen ja vergessen haben, das Advertising früher Werbung, noch früher Reklame und noch, noch früher Propaganda hieß. Die Bezeichnungen wechselten, doch der Zweck der Sache hatte sich seit den Marktschreiern, den Propagandisten nicht geändert. Man wollte etwas verkaufen, oder etwas hochgestochener ausgedrückt: die Förderung von Produkten, Dienstleistungen oder Marken im Markt der Meinungen betreiben.

Doch aufgepasst. „Auf keinem Gebiete macht sich die Gross-Sprecherei und die Aufdringlichkeit so bemerkbar, wie auf dem der Reklame. Der Schwindel steht auch hier in vollster Blüthe“ konnte man schon in einer Reklame-Fachzeitschrift aus dem Jahr 1902 lesen.

Werbung wird heute ganz klar als das gesehen was es ist: Ein Versuch uns zu beeinflussen.

Doch wird die oben beschriebene Form des Journalismus, er tummelt sich ja auch „im Markt der Meinungen“, ebenfalls als Versuch der Beeinflussung gesehen? Die Anzeichen deuten darauf hin.

Selbst wenn der größere Teil der Journalisten noch nicht auf dem Agitationshorn trötet, sich nicht als gottgleiche Verkünder des rechten Glaubens und der richtigen Meinung sieht, die faulen Eier im Medienkörbchen verpesten mit ihrem Gestank die objektive Wahrnehmung. Und da der Mensch allzu schnell zur Gleichmacherei neigt, könnte die Augsburger Allgemeine mit einer auf Aiwanger gemünzten Schlagzeile etwas für die eigene Branche vorweggenommen haben:  

Aiwanger hat jegliche Glaubwürdigkeit verspielt“.

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NACHTRAG 10.09.2023

Im Artikel hatte ich über „Leerstellen“ bei einigen Journalisten geschrieben. Das diese Defizite nicht nur bei Geschichtskenntnissen, sondern auch bei profanen Rechenaufgaben aufscheinen, zeigt ein Artikel der „Tagesschau“, in dem über die Antikorruptionsbehörde der EU „OLAF“, und deren mäßige Erfolge berichtet wurde. Bei der im Bericht aufgestellten Berechnung (siehe Ausriss) käme jeder, der in der Schule beim Prozentrechnen auch nur halbwegs aufgepasst hatte, zu einem anderen Ergebnis. Nämlich gerundet 0,35 %. Aber als Journalist der Tagesschau ……….  (Der Ausriss wurde beim Aufruf der Tagesschauseite (https://www.tagesschau.de/ausland/olaf-antikorruptionsbehoerde-100.html) am 10.09.2023, 12:00 Uhr angefertigt. —- Mitlerweile hatte man den Fehler bemerkt und die Berechnung berichtigt)

Über Bernd Schuhböck

Nicht nach heutigen, jedoch nach den Maßstäben der Ära Willy Brandt politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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