Politbarometer 11. November – Wie negative Meinungsmache wirkt

Lesezeit: 4 Minuten

Wir wissen es nicht, haben aber gehört, dass mit Trump alles schlechter wird.

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass polarisierende Berichterstattung durchaus Wirkung erzielen kann, die Extra-Umfrage des „ZDF-Politbarometers“ nach der US-Präsidentenwahl machte es belegbar: Wir wissen nichts, haben aber trotzdem sofort eine Meinung dazu. Selbst wenn es eine vorgegebene ist!

Den von deutschen Medien über Monate stets verteufelten Überraschungssieger Donald Trump kennt die deutsche Öffentlichkeit nur aus ausschließlich absichtsvoll verbreiteten Zerrbildern und den darin enthaltenen negativen Zuschreibungen.

Das aber scheint zu reichen, um bei dieser Umfrage des „Politbarometer-Extra* die bisher mit 81% als „sehr gut“ bis “gut“ bewerteten „Deutsch-amerikanischen Beziehungen“ zukünftig mit Trump als „schlecht“ bewerten zu können. (65%) .

dabez-pbex-zwhd1116

Das Paradoxe am Ergebnis der Umfrage:

Was unterscheidet die „dummen“ Amerikaner, über die man sich jetzt in Deutschland wegen des Wahlergebnisses aufregt, von uns Deutschen? „Weiß nicht“, müsste man in einer neuerlichen Umfrage jetzt richtigerweise ankreuzen. Und sich schon mal auf den Deutschlandbesuch Trumps freuen, der im Vorwahlkampf in Nevada bekundete, er „liebe die Ungebildeten“.

Was genau wird sich mit Trump für Deutschland verschlechtern?

Die guten bis sehr guten Beziehungen zwischen Deutschland und den USA werden sich nach Erkenntnis der Umfrage also eintrüben. Auf was muss man sich also ab dem 20. Januar 2017 (Vereidigung des neuen US-Präsidenten) so alles einstellen?

  • Werden jetzt das Handy der deutschen Bundeskanzlerin und die komplette elektronische Kommunikation in Deutschland von den US-Geheimdiensten abgehört? (Mist, das hatte der Vorgänger im Präsidentenamt, Barack Obama, bei dem“ die Deutschen einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen erobert haben” bereits gebilligt)
  • Wird Trump jetzt von uns Deutschen fordern, wir sollen „mit tun“ (Merkel zu Kriegseinsätzen) und die Steuerung von Drohnenmorden aus dem deutschen Ramstein zulassen? (Oh nein, auch das findet schon lange statt und wurde von seinem Vorgänger, dem „Friedensnobelpreisträger“ Barack Obama verantwortet)
  • Wird US-Präsident Trump von der deutschen Kanzlerin Merkel fordern, den Wehretat deutlich zu erhöhen, denn „es könne nicht dabei bleiben, dass die USA 3,4 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Sicherheit ausgäben, ein enger Nato-Verbündeter wie Deutschland aber nur 1,2 Prozent “. Es müssten 2 Prozent, also mindestens 54 Milliarden Euro werden. (Oh je, dem Begehren, den Wehretat getreu dieser Forderung zu erhöhen, wurde bereits gegenüber dem scheidenden Präsident Barack Obama entsprochen)
  • Trump wird das TTIP-Handelsabkommen zwischen Europa und den USA nicht ratifizieren? (Gut so)
  • Trump wird eine Verbesserung der Beziehungen mit Putin anstreben? (Hoffentlich. Europa kann davon nur profitieren)
  • Trump wird Amerika aus der Rolle des Weltpolizisten herausführen? (Die Welt wartet darauf)
  • Trump wird die Unterschrift über das Klimaabkommen zurücknehmen? (So what. Beim derzeitigen Emissionsgeschacher der Bundesregierung um die klimafreundliche Zukunft ist die deutsche Unterschrift unter dem Klimaabkommen die Tinte nicht wert)
  • Trump rekrutiert trotz gegenteiliger Wahlkampfbeteuerungen seinen Stab und die Minister seiner Regierung aus den Reihen des „verhassten“, „unersättlichen“ Establishments und Mitgliedern der Finanzindustrie. (Ja was wollt ihr denn? Das wäre bei seiner Gegenkandidatin doch tolerabel gewesen. O.K., sowas nennt man Wählertäuschung und dem kleinen Mann in die Tasche gelogen. Doch Hand aufs Herz, wann gab es das nicht?)
  • Trump wird also im US-amerikanischen Innenverhältnis einiges umkrempeln? (Mal ehrlich, was geht uns das an? Die größte Demokratie bestimmt über sich selbst. Was wäre daran beklagenswert?)

Alles in allem bleibt alles ungewiss. In Wahrheit deutet bei Trump nichts auf besonders gutes oder besonders schlechtes hin. Auch wenn die Extra Umfrage des Politbarometers ein anderes Stimmungsbild vermittelt.

Doch wie man weiß, die Umfragen im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl haben es erneut verdeutlicht, die Realität entspricht zunehmend immer weniger den Umfragen.

Und weil es ganz gut passt (und ich mir damit weitgehend gleichlautende Ausführungen zum Thema sparen kann) stelle ich hier das 10-minütige Video mit der Nachbetrachtung der US-Wahl von Ken Jebsen ein (KenFM). Und obwohl er darin verbal auf Klippenkanten entlang balanciert, zieht er bedenkenswerte Schlussfolgerungen. Für die Medien, das öffentlich rechtliche Fernsehen, deutsche Minister, den deutschen Regierungssprecher und seine Chefin. Ob die das auch so sehen?

Und hier noch etwas zum Nachlesen.

Der Befund eines Schweizer Journalisten über den Zustand seines Berufsstandes. „Ein Beruf schafft sich ab“.

Markus Somm schrieb am 11. November in der „Basler Zeitung“ über den US-Wahlkampf, seine Kollegen aus der „Sekte“ der internationalen Gemeinschaft der Journalisten und wie diese in ihrer Berichterstattung “Fakten verzerrt, übersehen, unterschlagen, erfunden oder falsch dargestellt haben.

*Die Umfrage zu diesem ZDF-Politbarometer-Extra wurde wie immer von der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen durchgeführt. Die Interviews wurden am 9.11.2016 unter 1.017 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in Deutschland telefonisch erhoben.

Das könnte sie auch interessieren: US-Wahlkampf – Wir Deutsche nehmen von Trullery den Teil den wir müssen

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

Lesen sie auch

Auswirkung von Politik – Etwas was den meisten Deutschen Angst macht.

Die Neue Studie „Die Ängste der Deutschen 2019“