Privates „Social Scoring“ – Ich bewerte meine Nachbarn! – Aber die mich auch?

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Umfrage: Die irrationale Haltung der Deutschen hinsichtlich der Bewertung durch andere.

40 Prozent der Deutschen fänden es gut, wenn sie das Verhalten der Menschen in ihrem Umfeld positiv oder negativ bewerten könnten. Immerhin sind sie konsequent, denn fast genauso viele (39 Prozent) haben auch kein Problem damit, wenn sie selbst durch Andere bewertet würden. Dabei sehen jedoch 61 Prozent die größte Gefahr in inkorrekter Bewertung.

Das sind einige Ergebnisse einer unter 2.036 Personen durchgeführten Online-Umfrage, die zwischen 24. und 29.01.2019 von der YouGov Deutschland  in Kooperation mit der SINUS Markt-und Sozialforschung GmbH durchgeführt wurde.

Die Ergebnisse dieser Umfrage, in der „Zwei von fünf Deutschen gerne das Verhalten ihrer Mitmenschen bewerten würden“ wenn es ein System gäbe, das Daten sammelt und darauf aufbauend gutes Verhalten belohnt und schlechtes bestraft, sind, positiv ausgedrückt, ambivalent.

Zum einen lehnt eine deutliche Mehrheit der Deutschen (68 Prozent) ein „Social-Credit-System“ wie es die chinesische Regierung 2020 landesweit im bevölkerungsreichsten Land der Erde einführen möchte ab.

Zum anderen fänden hingegen 40 Prozent der Deutschen die dahinterliegende Idee der Bewertung sozialen Verhaltens gut, wenn sie selber das Verhalten der Menschen in ihrem Umfeld positiv oder negativ bewerten könnten.

Wobei die Jüngeren (18 bis 24 Jahre) der Vorstellung sozialer Kontrolle kritischer (nur 30% fänden es gut), die Älteren (55 und älter) ihr etwas weniger kritisch gegenüber stehen. (42 Prozent fänden sie gut)

Bei den Fragen , ob „Social Scoring“ zum Beispiel zu moralisch besserem Verhalten führen könnte, oder sich nachteilig in Form eines gesteigerten Misstrauens der Bevölkerung untereinander auswirken  könnte, überwogen die befürchteten Nachteile.

Und trotzdem: Mit Blick auf das soziale Bewertungssystem nach chinesischem Vorbild  befürwortet jeder  Sechste Bestrafung von „schlechtem“ Verhalten und jeder Vierte erwartet die Belohnung von „gutem“ Verhalten.

Die Nachteile für die Gesellschaft sieht man durchaus. Doch es überwiegen die Egoismen.

Bei der Einschätzung, ob ein soziales Bewertungssystem in Deutschland eher für einen selbst oder die Gesellschaft von Vorteil wäre, ist knapp ein Viertel (23 Prozent) der Befragten der Ansicht, dass sie persönlich von solch einem System profitieren würden.

Vorteile für die Gesellschaft als Ganzes sieht hingegen nur jeder Zehnte (10 Prozent). 43 Prozent geben an, dass ein soziales Bewertungssystem in Deutschland gesamtgesellschaftlich Nachteile brächte, aber nur mehr als jeder Vierte (27 Prozent) sieht für sich persönliche Nachteile.

Man kann es nicht anders ausdrücken. Diese Umfrage blickt tief in die Verfasstheit unserer Gesellschaft. Ich, ich, und nochmal ich. Mir würde es sicher nützen, dieses „Social Scoring“. Für die Anderen wäre es vermutlich nicht so toll. Aber was interessieren mich die Anderen. (Die Nachteile würden mich ja eh nicht betreffen)

Doch berücksichtigt man die Art der Durchführung (online) dieser Umfrage, und legt zusätzlich die durch empirische Studien belegten Tendenzen auf Social  Networking  Sites zu Grunde, relativiert sich vermutlich das in den Ergebnissen aufscheinende Selbstbild und  Selbstwertgefühl einiger Umfrageteilnehmer. Um es mit dem etwas abgewandelten Titel eines schon älteren Hollywoodschinkens auszudrücken: „Denn -viele- wissen nicht was sie tun“.

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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