Warum diese Häufung an realitätsverzerrender Berichterstattung über Antisemitismus?

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Wer möchte uns Deutsche da unbedingt in die Judenhasser Ecke stellen?

Man sollte es ja nicht tun, doch ich tat es. Ich habe vorgestern in der Nase gebohrt. Und, leider, gestern erneut. Und das sogar zweimal. Als ich heute so darüber nachdachte, fiel es mir auf: Das war ja ein „dramatischer Anstieg“, eine „enorme Zunahme“, ich traktierte meine Nase also „zunehmend ungehemmter“. Aber halt, das mein Finger jetzt zweimal an einem Tag in der Nase steckte war zwar die Verdoppelung einer tags zuvor nur einmal vorgenommen Handlung. Doch es geschah insgesamt nur zweimal. Warum dann diese Dramatik in meiner Wortwahl?

Woher hatte ich nur all diese übertrieben, dem Vorgang zahlenmäßig nicht annähernd gerecht werdenden Formulierungen? Ach ja, ich hatte zuvor mehrere alarmistische Artikel über Antisemitismus in Deutschland gelesen. Und deren Überschriften gingen ähnlich dümmlich mit Zahlen um.

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Man stolpert in letzter Zeit öfters über „völkisch“, „national“ und ähnlich braun aufgeladenem. Meist im Zusammenhang mit politischen Veränderungen und einem vermeintlichen Rechtsruck in Deutschland oder Teilen Europas. Damit das auch die mit einem größeren zeitlichen Abstand zum 3. Reich geborenen richtig einordnen können, werden die oben erwähnten Adjektive in Aussagen und Texten in Verbindung mit „Nationalsozialisten“, „Hitler“ oder hilfsweise mit der „AfD“ gebracht.

Welcher Eindruck entsteht beim Lesen von Schlagzeilen wie „Angriffe auf Juden nehmen deutlich zu“, und „Gewalt gegen Juden drastisch gestiegen“?

Ein für uns Deutsche ziemlich beunruhigender Eindruck, wenn man diesen Artikeln auch noch entnehmen muss, „dass die meisten Täter aus rechtsextremen Milieus stammen“. (Wo wir doch weltweit für unsere gelungene Aufarbeitung der Judenverfolgung und des Nationalsozialismus gelobt wurden)

Eine Verknüpfung die schlimmste Erinnerungen an eine Zeit in Deutschland wachruft, in der man jüdisches Leben ablehnte, es bekämpfte und schlussendlich auszurotten versuchte. Nationalistisches Gehabe, Deutschtümelei und jüdisches Leben. Da war doch was in Deutschland?

Und jetzt ist es nur noch ein kleiner Schritt um gedanklich bei Judenverfolgung, Holocaust oder Gaskammern zu landen. Und alles verbunden mit der Klammer „Antisemitismus“.

(Dass die jüdischen Mitbürger trotz fehlender „Symbiose zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung“ (Ludger Heid)  vor der Machtergreifung Hitlers glühende Verfechter des deutschen Nationalbewusstseins, und im Gegensatz zum restlichen Europa in Deutschland bestens assimiliert und integriert  waren, möchte man bei dieser von interessierter, meist zionistischer Seite gern gesehenen eingeschränkten geschichtlichen Rückbesinnung im kollektiven Erinnern ausgeblendet sehen)

Antisemitismus, ein Begriff der mittlerweile in einer Art und Weise als Beschuldigung funktionalisiert wurde, „die in Deutschland eine seuchenartige Dimension angenommen hat“. (Mosche Zuckermann, israelischer Soziologe und Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv)

Gibt es Antisemitismus, also Judenfeindlichkeit?

Ja den/die gibt es. Antisemitismus gibt es in der Welt und somit auch in Deutschland. Und obwohl in der medialen Berichterstattung der letzten Wochen und Monate dieser Antisemitismus verstärkt thematisiert wird, gibt es weder Zahlen noch seriöse Erhebungen, die eine alarmierende Zunahme judenfeindlicher Gewalttaten durch die deutsche Bevölkerung aufzeigen.

In Anbetracht der bis 1945 in Deutschland vorherrschenden nationalsozialistischen Ideologie und des von Nazi-Deutschland begangenen Völkermordes an bis zu 6,3 Millionen europäischen Juden eine beachtliche kollektive Konstante im friedlichen Zusammenleben mit einer Bevölkerungsgruppe, die noch von der Väter- oder Großvätergeneration als fremdartig abzulehnende Rasse oder Religion empfunden wurde.     

Und doch gab es laut Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Links-Fraktion im deutschen Bundestag nach bisheriger Erkenntnis im Jahr 2018 in Deutschland  62 Gewaltdelikte mit antisemitischem Hintergrund bei denen 43 Personen verletzt wurden. (Gegenüber 24 Gewaltdelikten mit 10 Verletzten im Jahr 2017)

Jede Gewalttat gegen Menschen, gleich welcher Rasse, ist eine Zuviel. Doch versucht man bei Betrachtung dieser Zahlen die Kirche im Dorf zu lassen, darf man feststellen, das sich diese unter dem Label “antisemitisch” zusammengefassten Gewalttaten erfreulicherweise noch immer auf einem sehr niedrigen Niveau bewegen.

Doch was versteht man nun unter Antisemitismus?

„Eine allgemein gültige Definition von Antisemitismus existiert nicht“ schreibt der „Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus“(UEA) in seinem 2017 veröffentlichten zweiten Bericht „Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen“. (Der UEA wurde auf Beschluss des Deutschen Bundestages eingesetzt)  

Meist wird der Begriff mit „Judenfeindschaft“ gleichgesetzt, womit auch der inhaltliche Kern des Phänomens terminologisch treffend erfasst ist. (Bezeichnenderweise gilt also auch heute noch die z.B. im Duden von 1986 nachzulesende schnörkellose Beschreibung: Antisemitismus = Judenhaß, Judenfeindlichkeit)

Doch diese „Judenfeindschaft“ unterliegt, je nachdem wohin man schaut, sowohl im öffentlichen als auch im wissenschaftlichen Diskurs einem enorm weitgefassten  Deutungsrahmen.  

Orientierung bietet hier die „Working Definition“ einer Expertenrunde bei der OSZE, des „Office for Democratic Institutions and Human Rights“ (ODIHR).

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen“. So weit so gut. (Warum „nicht-jüdische Einzelpersonen? Damit dürften z.B.  Araber gemeint sein. Sie gelten qua Definition als Semiten)

Warum aber ist diese Definition mit „Working Definition“, also Arbeitspapier überschrieben?

Das liegt daran, das sich Kritik an einer an die eigentliche Definition anschließenden Passage entzündete, die legitime Kritik an einem Staat oder an dessen politischen Aktivitäten mit Antisemitismus gleichsetzt, und man deswegen befürchten musste, das einige europäische Staaten dieses Papier nicht unterzeichnen würden: Diese Passage erweitert nämlich den Begriff Antisemitismus auf „israelbezogenenAntisemitismus. „Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein“.

Kritik an Israel kann man also -auch wenn interessierte Kreise es anders sehen wollen- nicht mit Antisemitismus gleichsetzen.

Wobei das zum Beispiel den „Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung“, Felix Klein nicht zu interessieren scheint, wenn er von der neuen Hauptform des „Isreal bezogenen Antisemitismus“ mit Blick auf „den muslimisch motivierten Antisemitismus“ spricht. (Tagesschau, 4.10.2018)

Konkret definiert die UEA den Antisemitismusbegriff aus den „Arbeitspapier“ der OSZE wie folgt:

„Ist etwa die Abneigung gegen einen einzelnen Juden ausschließlich durch dessen individuelles Agieren motiviert, so kann man nicht von einer antisemitischen Einstellung sprechen. Ergibt sich die Abneigung gegen eine jüdische Person aus deren Zuordnung zur jüdischen Religionsgruppe, ist hingegen von einer antisemitischen Haltung auszugehen“.

Doch diese Definition reicht einigen nicht aus.

Journalisten und politisch stark bewegte Personen basteln sich ihre eigene Definition von Antisemitismus, eine individuelle Sicht auf bei anderen vermutete Judenfeindlichkeit und entdecken dabei sogenannte rechte, antisemitische Sprachcodes, Chiffren oder diffuse, sehr willkürlich als irgendwie judenfeindlich definierte Argumentationsmuster.

1. Beispiel mit der Kabarettistin Lisa Fitz.

Im Lied „Ich sehe was, was Du nicht siehst“, sang sie über„Schattenstaat, die Schurkenbank, Gierkonzern“ als Verantwortliche für Krieg und Armut. Zum Beispiel so: „Gierige Männer, Mördergreise, spielen vom Tod die böse alte Weise, reißen im Fallen die halbe Welt mit sich, wach auf und handle und lass dich nicht im Stich.“

Das nahm die Mitbegründerinnen und ehemaliges Bundesvorstandmitglied der GRÜNEN, Jutta Ditfurth zum Anlass, ihr in einem, von einigen Journalisten gierig aufgegriffenen Tweet vorzuwerfen, Fitzlädt ein zum antisemitischen Tango bei #Aufstehen“.

Dazu schrieb Uli Gellermann auf seinem Blog Rationalgalerie: „Na klar, sagt da die Judenriecherin Ditfurth, wenn über viel Geld gesungen wird, dann wird man wohl die Juden meinen. Zumal ja im Text von Frau Fitz auch solche Namen vorkommen wie „Rothschilds, Rockefeller, Soros & Konsorten“.

Ditfurth roch also Antisemitismus. Wie falsch sie damit lag, erklärte Gellermann in seinem Schlusssatz: „In der Eile der Denunziation macht die Ditfurth den braven Yankee und Baptisten Rockefeller auch zum Juden. Aber auf solche Feinheiten kann die Verleumderin leider keine Rücksicht nehmen“. (Nichts desto trotz sind die Artikel über die Antisemitin Fitz weiterhin im Netz zu finden)

2. Beispiel mit Sahra Wagenknecht (Die Linke) und ihre Sammelbewegung #aufstehen.

Hierbei handelt es sich erneut um den Vorwurf der „latenten Identifikation“ des “(Finanz-)Kapitalisten” mit Jude. Als Sahra Wagenknecht als Galionsfigur für die Sammelbewegung #aufstehen gegen soziales Elend oder Wohnungsnot auftrat, und dafür „Finanzhaie“, „Finanzmafia“ und „Lobbyisten“ verantwortlich machte, kam sofort der Vorwurf des Antisemitismus. Selbst aus ihrer eigenen Partei. Eine Unterstellung die Wagenknecht sofort zurück wies.

Es gibt aber ein weiteres Problem in Sachen Antisemitismus.

Neben dem Umstand, dass 50% der antisemitischen Straftaten allein in Berlin verzeichnet werden, oder „die Antisemitismusforschung in Israel darauf hinausläuft, das man jeden Rülpser eines Neonazis und jeden Furz eines Faschisten in der Welt auflistet, um am Ende des Jahres in Statistiken nachweisen zu können, der Antisemitismus sei in der Welt um x Prozent gestiegen“ (Mosche Zuckermann) findet man in Deutschland äußerst schwammige Angaben zu Herkunft oder politischer Ausrichtung der Täter. Deutscher oder Einwanderer, Christ oder Muslim, politisch rechts oder links verortbar?

“Die Statistik taugt nicht als Antisemitismus-Lagebild”,

spricht Fabian Weißbarth, Public Affairs Coordinator beim American Jewish Committee (AJC) den Umstand an, dass antisemitische Straftaten oftmals automatisch als rechts motivierte Taten angesehen werden, wenn keine weiteren Anhaltspunkte vorliegen. Beispiel:  “Selbst ein Hitlergruß von Hisbollah-Anhängern bei einer islamistischen Al-Quds-Demo wurde als rechts eingeordnet.

Auch im Bericht des “Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus“ heißt es bezüglich der ungenauen Einordnung der Polizei: “Damit entsteht möglicherweise ein nach rechts verzerrtes Bild über die Tatmotivation und den Täterkreis.

Versucht man sich nun an dieses Thema über Untersuchungen und Umfragen heranzutasten, wird es noch widersprüchlicher. Zu einer im Dezember 2018 veröffentlichten Umfrage der „Europäischen Agentur für Grundrechte“ in 12 europäischen Ländern schreibt die Online-Redaktion des ZDF:

Auffällig ist – wie schon andere Studien gezeigt haben – dass Antisemitismus keine Einstellung allein des rechten Rands ist. Zu den häufigen Täter-Gruppen zählten Menschen mit extremen muslimischen Einstellungen (30 Prozent), gefolgt von Menschen aus der eher linken Szene (21 Prozent), Arbeits- oder Schulkollegen (16 Prozent), Menschen aus dem Bekanntenkreis (15 Prozent) und Personen mit eher rechtsextremen Ansichten (13 Prozent)“.

Versucht man nun,  abseits von Polizeistatistiken antisemitische Vorfälle in Deutschland zu verifizieren, (schließlich gebe es doch Untersuchungen, nach denen ca. 20% der Bevölkerung in Deutschland latent antisemitisch eingestellt seien) stolpert man über „Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland“, eine Untersuchung der Uni Bielefeld. Darin wird Antisemitismus  von  drei  Vierteln  der  Befragten  als  großes  Problem  in  Deutschland angegeben. Und jetzt kommt’s:  „81 Prozent derer, die körperlich angegriffen wurden gaben an, dass die Täter einen mutmaßlich muslimischen Hintergrund haben“.

Alles in allem kann man festhalten, zu antisemitischen Straftaten in Deutschland kann man viel Widersprüchliches finden.

Was uns zurück zur Überschrift bringt und dem „warum“ so viele alarmistische, wirklichkeitsverzerrende Berichte dazu erscheinen.

Man könnte den Verdacht haben, wir Deutsche sollen unbedingt zu unverbesserlichen Judenhassern hochgejazzt werden. Das glaube ich nun nicht. (Wäre auch bei wilderster Interpretation der absoluten Zahlen aus der Polizeistatistik irgendwie lachhaft)

Es gibt jedoch zwei plausible, aber gegensätzliche Erklärungen zu diesem „warum“ mindestens einmal pro Woche Berichte über Antisemitismus durch die Medien geistern.

Die eine stammt vom „Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung e.V.“ (BIB) und geht so: „Opposition gegen Israels Besatzungspolitik ist nicht gut – findet Israels Regierung. Entsprechend erklären Freunde der israelischen Regierung: Hinter solcher Opposition verbirgt sich ein tiefsitzender Antisemitismus. Solche Warnungen vor Antisemitismus sollen diejenigen beeindrucken, die aus Deutschlands Verbrechen in der Nazi-Zeit Konsequenzen für die Gegenwart ziehen möchten, und sollen sie davon abhalten, für die Menschenrechte der Palästinenser einzutreten“.

Die zweite Erklärung stammt von Mosche Zuckermann und lautet wie folgt: Zionismus braucht Antisemitismus. Der Staat Israel braucht zuwandernde Juden. Was motiviert Juden besser nach Israel zu kommen, als ein -medial vermitteltes- judenfeindliches Umfeld in dem Land in dem sie derzeit leben. (Hessenschau Nov 2018: „Und wieder sitzen Juden hierzulande auf gepackten Koffern“)  

Einerlei, ob eines der beiden Erklärungsmuster greift oder für welches man sich im Zweifel entscheidet: Sobald man über den Begriff „Antisemitismus“ stolpert, könnte man darüber nachdenken, wem es nutzen mag, welche Intention hinter der Erwähnung des Wortes stecken mag, und ob es nicht in einem Zusammenhang gebraucht wurde, der der eigentlichen Definition nicht entspricht.

Vor allem aber sollte man erkennen, das mit dem Wort Antisemitismus viel zu leichtfertig umgegangen, zum Zweck der Stigmatisierung unliebsamer Personen damit schon viel zu lange Schindluder getrieben, und dem leichtfertigen Gebrauch dieses Wortes der Erinnerung an die Monstrosität der deutschen Judenvernichtung einer Schlussstrichmentalität Vorschub geleistet wird.

Ich sehe das in etwa wie Mosche Zuckermann. Er sagt:

„Die Inflationierung des Begriff Antisemitismus ist mittlerweile so voran geschritten ist, das man nicht nur die Realität verrät, sondern auch das Andenken derer, in deren Namen man meint den Begriff Antisemitismus hochhalten zu sollen“.

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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