Bild Merkel: Markus Spiske, CC-BY (Creative Commons Name Attribution)

„Uns geht es doch gut“ – Zeit für eine subjektivere Sicht

Ein gnadenlos subjektiver Debattenbeitrag von Jens Berger, den wir von den „NachDenkSeiten“ übernehmen durften

„Uns geht es doch gut, nie ging es uns besser“ – zumindest in diesem Punkt sind sich die kommenden Großkoalitionäre ja völlig einig und durch pausenlose Wiederholung in den Medien hat sich dieser Satz bereits zum Glaubensbekenntnis des Merkelismus gemausert. Sogar Teile der Linken haben das deutsche Wohlfühl-Mantra schon verinnerlicht und wollen sich nun um die „weichen“ Themen kümmern, die beim zurückliegenden Kampf um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vernachlässigt wurden.

Uns geht es gut“ – kaum wer wagt es mehr, diesen Satz zu hinterfragen; bei so viel Konsens muss man eher aufpassen, dass man nicht selbst irgendwann daran glaubt. Doch lassen Sie uns doch einmal zur Abwechslung die rote Pille schlucken und die Fragen stellen, die sonst nie gestellt werden. Ging es uns wirklich nie besser? Ein gnadenlos subjektiver Debattenbeitrag von Jens Berger.

Ich bin ein Kind der 80er; ein „Arbeiterkind“, wie man heute sagen würde. Und ja, damals ging es mir und meiner Familie schon sehr gut. Das Geld, das mein Vater als Handwerkergeselle nach Hause brachte, reichte für das eigene kleine Häuschen, den Sommerurlaub an der See, das schicke Auto für die Eltern und das schicke Fahrrad für mich. Ob man sich den Zugang zu Kultur, Sport und Bildung leisten kann, war nie ein Thema, denn das war selbstverständlich.

So stand es nie in Frage, ob meine Eltern mich auf das Gymnasium schicken können. Und als ich später mal im Englisch-Unterricht Probleme hatte, wurde ich in den Sommerferien auf eine Sprachreise nach England geschickt. Wohlgemerkt als Spross einer Arbeiter- und nicht einer Adelsfamilie.

Ob ich dann später einmal studieren sollte oder nicht, war nie eine Frage des Geldes, sondern nur eine Frage des Talents. Was sich heute wie ein Märchen anhört, war – rückwärtig betrachtet – wohl ein sehr kurzes Zeitfenster, in dem die Bundesrepublik zumindest subjektiv dem Ideal einer gerechten Gesellschaft schon recht nahe kam.

Meine Mutter konnte in den 80ern den Großteil meiner Kindheit zu Hause verbringen; erst als ich älter war, ging sie wieder halbtags arbeiten. Nicht weil sie finanziell dazu gezwungen war, sondern weil sie es wollte. Alleine schon die Idee, dass man mehr als einen Job brauchen könnte, um seine Familie zu ernähren, war damals fern. Es kam auch niemand auf die Idee, dass unserer Familie künftig so etwas wie Altersarmut drohen oder dass die Rente vielleicht einmal nicht mehr reichen könnte. Es war auch vollkommen klar, dass es mir als erstem Akademiker der Familie natürlich später noch besser gehen sollte. Von Zeitverträgen, prekären Jobs und Scheinselbstständigkeit wusste man damals halt noch nichts. Welch´ schöne, welch´ naive Jahre. Schlechter als heute? Wohl kaum.

Ich habe mich mit vielen Leuten meiner Generation unterhalten und nicht wenige teilen nicht nur eine ähnliche Biographie, sondern empfinden die 80er im Rückblick auch als deutlich bessere Zeit. Sicher verklärt man mit der Zeit so einiges, aber niemand hat mir jemals gesagt, dass die 80er eine schlechtere Zeit als heute waren. Wie denn auch? Heute ist eine Familie, in der nur der Vater als Handwerker arbeitet, schon fast ein Fall für den Hartz-IV-Aufstocker. Und selbst wenn beide Partner heute Vollzeit arbeiten, wird es mit dem eigenen Haus, dem Sommerurlaub und der Universitätsausbildung für die Kinder schon sehr knapp. Und die heute grassierende Angst vor der Zukunft hat es damals in dieser Form nie gegeben. Man hatte zwar Angst vor der Umweltzerstörung und einem Atomkrieg … Angst vor Alter, Armut, Arbeitslosigkeit oder der Zukunft der eigenen Kinder hatte damals kaum jemand.

Und heute?

Selbst wenn man heute zu den Privilegierteren gehört und als Angestellter, Selbstständiger oder Beamter ein annehmbares Gehalt bekommt – wer kann schon mit dem Brustton der Überzeugung sagen, dass es die eigenen Kinder, zumal als Akademiker, einmal besser haben werden, als man selbst? Mir scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Heute haben viele meiner Altersgenossen vielmehr berechtigte Sorgen, dass die Kinder nach dem Studium eben keinen „echten“ Beruf bekommen und sich von einem prekären „Job“ zum nächsten hangeln müssen. Aber uns ging es ja noch nie so gut wie heute. Nicht wahr?

Und wie sieht es mit dem Blick in unsere eigene Zukunft aus? Ganz ehrlich? Die meisten Angehörigen meiner Generation verdrängen dieses Thema lieber komplett. Denn gerade Akademiker, die nicht immer eine lückenlose „Erwerbsbiographie“ – wie es so schön heißt – vorweisen können, haben oft nicht einmal mehr die Chance, später eine Rente über der Grundsicherung zu bekommen. Und wenn nie die richtige Zeit da war, um Nachwuchs zu zeugen oder ein Haus zu bauen, sieht die Perspektive fürs eigene Alter noch düsterer aus. Doch das verdrängt man lieber. Das Thema „Altersarmut“ ist für viele jedoch näher, als sie es selbst wahrhaben wollen … aber zum Glück „lockt“ ja noch das Erbe der Elterngeneration, die in früheren Jahrzehnten einen bescheidenen Vermögensstock aufbauen konnte. Und danach? Die Sintflut.

Aber uns geht es ja gut.

Noch schlimmer ist die Situation der jüngeren Generationen. Das Hangeln von einem befristeten Job in den nächsten ist keine moderne Lebenseinstellung, sondern eine echte Qual – und wird auch meist als solche empfunden. War es früher der Normalfall, spätestens mit Anfang 30 die Familienplanung zu beginnen und sich sesshaft niederzulassen, ist es zumindest für Jungakademiker heute doch gar nicht möglich, diese Stufe des Erwachsenwerdens zu erreichen, bevor man sich schon selbst Gedanken um Altersteilzeit machen muss. Wer denkt zwischen Post-Grade-Abschluss, Auslandspraktika, Hiwi-Jobs und dem nächtlichen Kellnern, um die Rechnungen zu bezahlen, schon ans Heiraten, Kinder kriegen oder Häusle bauen? Und auch etwas südwärts auf der Ausbildungsskala ist dies heute keine reale Perspektive. Wenn das zweite Gehalt zwingend benötigt wird, um die Miete und die Raten fürs Auto zu bezahlen, wird die Familienplanung schon mal gerne nach hinten verschoben. Was früher Mittelpunkt des Lebens war, ist heute Luxus. So gut geht es uns.

Und dieser Wandel ist nicht vom Himmel gefallen und auch keine unabwendbare Folge globaler Entwicklungen, wie der Globalisierung oder Digitalisierung. Nein. Dieser Paradigmenwechsel ist politisch gewollt. Es gehört wohl schon ein sehr hohes Maß an Realitätsverweigerung dazu, die negative Entwicklung im Kontext des „Uns-geht-es-doch-gut“-Mantras als Glaubensbekenntnis an eben jene Politik umzudeuten, der wir diese Verschlechterung zu verdanken haben.

Es ist offenbar nicht sonderlich hilfreich, diese Frage anhand von Statistiken zu erörtern. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, weiß ja auf rationaler Ebene ohnehin schon, dass unser Glaubensbekenntnis Unsinn ist; sonst wäre es ja auch kein Glaubensbekenntnis, denn an Dinge, die man weiß, muss man ja nicht glauben. Der Erfolg des Wohlfühl-Mantras liegt wohl eher auf der emotionalen Ebene. Daher sollte man auch gar nicht erst versuchen, diese Fragen objektiv zu beantworten.

Seien auch Sie ruhig einmal gnadenlos subjektiv wenn Sie diese Fragen für sich selbst beantworten:

Ging es uns wirklich nie besser? Geht es uns wirklich so gut?

(Dieser Beitrag erschien zuerst auf den „NachDenkSeiten“. Wir danken dafür, diesen Beitrag übernehmen zu dürfen)

 

Über Gebhard Gessler

Politisch und weltanschaulich eher undogmatisch. Der Fels in der Brandung und „eierlegende Wollmilchsau“ der Redaktion. Als CvD 24 Stunden vor dem Schirm, haut jedem auf die Finger, bearbeitet i.d.R. alle Pressemeldungen und verantwortet die Grafiken aus der Generation Praktikum.

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