Medialer Einfluss wirkt – Wenn Trump so böse ist muss Biden doch gut sein?

Betreutes Denken führt zum gewünschten Umkehrschluss durch „Wippschaukeleffekt“.

Eine Frage nach der Anderen und auf alles haben wir eine Antwort. Zumindest eine Meinung dazu. Selbst wenn wir keine, also so ganz einfach gar keine Antwort außer „ich weiß nicht“ hätten, wir sagen trotzdem etwas dazu. Wir kennen vieles nicht, doch eine Meinung zu diesem Nichts die haben wir. So gesehen verhalten wir uns doch ziemlich dämlich. Doch sich das einzugestehen, das käme den wenigsten in den Sinn. Ich und keine Meinung? Unmöglich!  Also auch zum amerikanischen Präsidenten. Wir Deutsche wissen genau wer der bessere wäre. Für die US-Bürger!

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Folgt mir bitte für einige Sätze in eine Welt, in der noch vieles so gesehen wird, wie es ursprünglich mal gedacht war. (Entschuldigung, aber das geht jetzt nur auf bayerisch. Haltet durch)

I sog eich oans“ posaunte der kantschädlige Franz in die illustre Stammtischrunde, „ der Sepp vom Hinterleitner Hof warad der richtige für uns als Bürgermoaster“.  Und schob, als sich auf diese Aussage hin nicht die leiseste Regung einstellen wollte noch nach, dass seine Bewertung, der Sepp wäre der richtige Bürgermeister „ja eh alle selber wissen “ und genau wie er denken würden.

Der Rest der Runde schaute sich an und einer meinte, dass „ma des ned wissen“. Der Großteil der Runde würde den Sepp ja nur vom Hörensagen kennen, geschweige denn irgendwann mal etwas Vernünftiges aus seinem Munde gehört haben.

Jetzt hertz aber auf“ meinte daraufhin der kantschädlige Franz. „ Vo dem brauch i doch nix wissen. Es glangd doch wenn i woas, das der jetzige Bürgermoaster a ziemlicher Depp is“.

Mit einen Blick auf die zahlreichen Striche auf dem Bierdeckel vom Franz meinte sein Nachbar, bei seinem heutigen Alkoholkonsum könne man ja schnell mal so ein deppertes Argumente daher schwätzen. „Wenn ma bei zwoa Leid, nur vo oam woas, das er ziemlich bled is, moanst du, das der andere nacha automatisch gscheider sei muas“.

Die Männer am Stammtisch bogen sich vor Lachen. „So bled koma nur als Stodera denga“, fasste einer aus  der Runde der Stammtischbrüder ihre Sichtweise gegenüber dem erst vor 10 Jahren von der Stadt aufs Land gezogenen kantschädligen Franz zusammen.

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Soweit der kurze Ausflug in eine Welt, in der der Anspruch sich eine eigene Meinung zu bilden sich der Zeit und Hirn schonenden Fremdmeinungsaneignung entgegen stellt.  

Es gäbe ihn also noch. Den gesunden Menschenverstand. Zumindest in dieser fiktiven Wirtshausbeobachtung. Betrachtet man hingegen die Realität, bemerkt man in unserer Gesellschaft stattdessen eine offensichtliche Leerstelle. Betreutes Meinen und convenienjent vorgekautes  Urteilen ersetzt zunehmend das natürliche Urteilsvermögen.

Nehmen wir als Beispiel die beiden letzten Präsidentschaftswahlen in den USA. Bei beiden trat Donald Trump an. Gegen verschiedene Kandidaten.

Ein Kandidat – Zwei unterschiedliche KampagnenEine Meinung

Noch einige Monate vor seiner Wahl war Trump für uns Deutsche- nicht für die US-Bürger- noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. Ganz anders seine damalige Gegenkandidatin Hillary Clinton. Im Gegensatz zum zuvor politisch noch nie in Erscheinung getretenen Donald Trump gehörte Hillary Clinton zum politischen Establishment. Für Clinton war das Fluch und Segen zugleich. Der Segen bestand in der Unterstützung der politischen Elite, der Fluch darin, dass sie gerade dass bei den Wählern unsympathisch erscheinen ließ.

Doch was sind schon Wählermeinungen. Nur die veröffentlichte Meinung ist ausschlaggebend.

Und in diesem Sinne lief die Medienmaschinerie an. Hillary die Erfahrene, die Tolle, die Gute und -im Zweifel gibt das Zusatzpunkte- Hillary die Frau. Zudem würde Hillary „die“ bösen Russen“ in die Schranken weisen, Trump hingegen paktiere mit “den” Russen und werde sogar vom russischen Geheimdienst unterstützt. (Sollte Jahre später von einem US-Untersuchungsausschuss als haltlose Anschuldigung aufgedeckt werden)

Was die amerikanischen Medien auch vorkauten, der deutsche Mainstream sah es genauso. Es müsste doch gelingen, diesen sich als volksnaher „Nicht-Politiker“ inszenierenden Anti-Eliten-Kandidat Trump vom Weißen Haus fernzuhalten.

Es wurde –als hätten wir bei dieser Wahl etwas mitzuentscheiden gehabt– in Deutschland pro Hillary und contra Donald geschrieben, gesendet und getalkt. Und so fühlten sich auch die Deutschen gegen Ende des US-Wahlkampfes in der Lage, den Ausgang der Wahl vorhersagen zu können.

(Mal ganz generell betrachtet. Was für eine Hybris. Die wenigsten Deutschen kannten weder den einen noch den anderen Kandidaten. Alles was sie kannten waren Beurteilungen von ihnen ebenfalls nicht persönlich bekannter Personen mit i.d.R. vom Rezipienten nicht nachprüfbarer Expertise. Viele von uns „Erwachsenen“ scheinen obendrein die Unterschiede von „ich glaube“, „ich vermute“, „ich wünsche“ oder „ich weiß“ nicht mehr zu kennen. Ich würde jeden Demoskopen mit dem Satz „sorry, aber ich bin kein Hellseher“ vom Hof jagen, der von mir eine Antwort auf seine Frage „ob ich denn wüsste, wer…“ erwartet. Die Frage, was „ich denn vermute, wie etwas ausgehen könnte“ hingegen könnte ich vermutlich beantworten. Kein Kind im niedrigen, also im noch verarschungsfähigen Alter, würde auf die Frage, was es denn glaubt vom Christkind zu bekommen, sagen „ich bekomme“ das, das und das. Nein, es würde davon sprechen, was es sich „gewünscht“ habe

Das zaghafte Rütteln an dem medial nur mühsam camouflierten „Madam President“-Hype  setzte ein, als auch deutsche Journalisten der Gemütslage des „einfachen“ US-Bürgers hinterher recherchierten. Unmittelbar vor der Wahl titelte z.B. die „Süddeutsche Zeitung“: „Hillary Clinton muss um den Sieg zittern“. Auf der Titelseite des „Tagesspiegel“ war zu lesen: „Amerikas Demoskopen warnen vor Überraschungen“ und Springers Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ schrieb „Zeit, sich Sorgen zu machen“. Plötzlich waren sich einige der Journalisten, trotz ihres monatelangen Propagierens, Hillary Clinton würde einen leichten Sieg vor sich haben, nicht mehr so sicher das es wirklich so leicht werden könnte.
Hatte man es womöglich übertrieben mit der Dämonisierung des einen und der Heiligsprechung der anderen?

In der Wahlnacht schien noch alles nach Wunsch zu verlaufen. Hillary Clinton gewann Bundesstaat um Bundesstaat. Die Stimmung in den amerikanischen und deutschen Fernsehstudios aus denen die laufenden Auszählungen live übertragen wurden stieg mit jedem von ihr gewonnenen Bundesstaat.

Der Glaube vieler Journalisten an eine von ihnen medial befeuerte sich selbst erfüllende Prophezeiung schien belohnt zu werden.

Und so begann man bei “Newsweek”, im festen Glauben daran dass Clinton auf jeden Fall gewinnen würde,  die Sonderausgabe “Madam President”  zu drucken und diese in der Wahlnacht an die Verkaufsstellen auszuliefern.

(Ein in der Verlagsbranche weltweit übliches Vorgehen)

Man hatte jedoch verabsäumt, die Kioske anzuweisen, den Verkauf des Sonderheftes bis zur Bestätigung ihres Sieges zurückzuhalten.

Unfreiwillig gaben die „Newsweek“-Macher in diesem Sonderheft ihre wohl auch von vielen anderen Journalisten geteilte Sicht auf Trump wider „….. und so stellte sich heraus, dass die Amerikaner im ganzen Land am Wahltag die von Donald betriebene Art von Angst und Hass-basierten Konservatismus rundweg ablehnten“.

(Dieser Schmach journalistischer Fehleinschätzung würde man anschließend durch 4 Jahre aggressivster Anti-Trump Berichterstattung entgegen wirken)

Doch als der Morgen graute konnte man live im Fernsehen miterleben, wie sich einseitig positionierte deutsche Politiker zusammen mit völlig desillusionierten Journalisten die Augen rieben und krampfhaft versuchten ihre Gesichtszüge wieder in fernsehtaugliche Fasson zu bringen. Denn Hillary Clinton hatte am Ende nicht nur nicht gewonnen, sie ging sogar ziemlich abgeschlagen als Zweite durchs Ziel. 

Trump gewann mit 304 zu 227 Wahlmännerstimmen. (Zu allem Überfluss stimmten später Fünf Wahlmänner nicht wie vorgesehen für Hillary Clinton)

Was darauf folge, waren 4 Jahre mediales Wunden lecken, stoisches Nachtreten gegenüber dem zwar gewählten, jedoch vom politischen Establishment als Unfall bezeichneten Präsidenten und fortdauernde offensichtliche oder verdeckte Kampagnen zur Destabilisierung des politisch gänzlich unerfahrenen „Dealmakers“. (Keine Frage: Durch sein Auftreten beförderte Trump die ihm von interessierten Kreisen zugedachte Rolle nach Kräften)

Diese medial durchgehend negative Darstellung erlangte Spitzenwerte, sobald sich abzeichnete, wer ihm als Gegenkandidat bei seiner erneuten Kandidatur entgegentreten würde. Wurde er zuvor in der deutschen Presse noch bevorzugt als twitternder Kasper und innen- und außenpolitischer Irrläufer dargestellt, bekam er nun zusätzlich die Rolle des Antidemokraten und bösen Spalters des amerikanischen Volkes zugewiesen. (Eine Zuschreibung die die Jahre der Präsidenten vor Trump gänzlich unberücksichtigt ließ)

Die letzten Wochen und Tage vor der Präsidentenwahl ging medial ein regelrechtes Anti-Trump-Gewitter über deutsche Medienkonsumenten nieder. Es gab Tage, da musste man sich z.B. auf „Spiegel online“ bis an die gegenüberliegende Seite der Erde nach Australien durchscrollen, um nach einer nicht enden wollenden Fülle an Trump-Artikeln endlich auch Meldungen aus Deutschland zu Gesicht zu bekommen.

Doch die Medien hatten offensichtlich dazugelernt.

Wurde bei Trumps erstem Wahlkampf seine Gegenkandidatin medial überrepräsentativ wohlwollend beleuchtet und begleitet, bekam der Mann mit den gelben Haaren und dem Gelbstich im Gesicht, bis auf den damals noch offensiv über ihn berichtenden US- Fernsehsender FoxNews, überwiegend nur die Rolle des kritikwürdigen zugeteilt.

Jetzt richtete der journalistische Mainstream seine geballte Berichterstattung fast gänzlich auf Trump aus. Im Gegenzug ließ man Joe Biden, seinen Gegenkandidaten, medial einfach nur mitdümpeln. Diesmal wollte man dem Gegenkandidaten mit einem durch den Herausgeber der „NachDenkSeiten“, Albrecht Müller in seinem Bestseller “Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst” als „Wippschaukeleffekt“ benannten Propagandatrick den Weg ins Weiße Haus ebnen.

Je negativer man den einen der zwei Kandidaten darstellt, umso glanzvoller müsste dem Wähler doch der andere  Kandidat erscheinen. (Wie wir gleich sehen werden, scheint es traurigerweise so zu sein, dass diese Kommunikationstechnik zur Meinungsbeeinflussung funktioniert. Doch man sollte die Hoffnung nicht aufgeben, wie es die eingangs geschilderte Wirthaussituation positivistisch herausfordernd andeuten sollte)

Und auch bei dieser Wahl -nur der Einordnung halber hier erneut erwähnt, dass es sich dabei um eine US-Wahl handelte- wurden die Deutschen um eine Bewertung beider Kandidaten gebeten.

(Und auch hier erneut der Hinweis, dass dem Großteil der Deutschen eine -objektive- Beurteilung der beiden Kandidaten ernsthaft nicht möglich wäre) Wer von uns  ging mit Trump regelmäßig auf den Golfplatz? Wer von uns sitzt oder saß regelmäßig im Weißen Haus rum und kennt somit die Feinheiten des amerikanischen Regierungshandelns. Oder …… wer kennt aus eigenem Erleben das US-Sozialgefüge?

Naja, mag man jetzt einwenden. Sicherlich, das wenigste können wir aus der Entfernung beurteilen. Doch das was uns direkt betrifft, z.B. die Trumpsche Außenpolitik, die können wir doch auch in Deutschland beurteilen!

Ach, ist das so?

Nehmen wir zum Beispiel das von Trump ostentativ geforderte 2% vom Bruttoinlandsprodukt-Ziel für deutsche Rüstungsausgaben. Diese medial so viel Wirbel erzeugende Forderung konnten wir doch alle, wenn auch wiederum nur medial vermittelt, mitverfolgen. Stimmt irgendwie.

Doch Trump wiederholte nur, was zuletzt auf dem NATO-Gipfel 2014 in Wales festgeschrieben wurde oder auch sein Vorgänger im Amt, Barack Obama bereits forderte. (Und dies auch von Angela Merkel -zuletzt bei Obamas Abschiedsbesuch 2016- in Berlin zugesichert bekam)

Doch erst als auch Trump diese Forderung bekräftigte, wurde sie in unserer medial befeuerten Erregungsdemokratie so richtig zur Nachricht. (Wobei die „veröffentlichte Meinung“ die Historie dieses Sachverhalts nur wiederwillig und auch nur scheibchenweise über Monate hinziehend  beleuchtete)

Da stellt sich doch die Frage, wie man sich aus Nachrichten ein Bild von einer Sache machen soll, wenn man doch nur einen -vielfach bewusst beeinflussend gewählten- Ausschnitt dieses Bildes vermittelt bekommt? (Für mich ist die Antwort klar: Sich nur auf den Mainstream als Nachrichtenquelle zu beschränken führt zunehmend zurück in die geistige Unmündigkeit)

Doch der repräsentativ ausgesuchte Deutsche (1.006 Befragte) fühlte sich in der Lage, trotz medial vermittelter Voreingenommenheit eine Bewertung zu Biden und Trump abgeben. (Wie war das noch mit dem „Wippschaukeleffekt“?) Es darf als gegeben angenommen werden, das bei der Beantwortung der Frage keine fundierte Meinung, sondern maßgeblich der Einfluss von außen die Antwort bestimmte. Zum Zeitpunkt der Umfrage dominierte der böse, spaltende, undemokratische Trump die Nachrichten und Talkshows.  Trumps Gegenkandidat Biden dagegen kam nur in der medialen Peripherie, somit auch als äußerst vernachlässigbar im Alltagsleben der Befragten vor.

Da man bei der unten abgebildeten Frage den Befragten die einzig sinnvolle Antwortmöglichkeit „ich weiß nicht“ vorenthielt, konnten diese nur auf medial gut penetrierte Gedächtnisinhalte zu Trump zurückgreifen. Wenn Trump also der Böse ist, dann kann dieser Biden doch nur…..

Der Gewinner der US-Präsidentschaftswahl ist zum derzeitigen Zeitpunkt (21.11.2020) noch immer nicht offiziell erklärt. Seit der Wahl „Bush vs. Gore“ wissen wir um die juristisch möglichen Auseinandersetzungen bei Präsidentschaftswahlen. Am Ende entschieden nicht die Wähler oder die Wahlmänner das Bush jun. Präsident wurde, sondern die Richter am obersten US-Gericht, dem Supreme Court.

Das mag der reinen Lehre folgend nicht der beste Weg in einer Demokratie sein, seinen obersten Repräsentanten auszuwählen. Doch es  ist einer der legitimen Wege in der US-Demokratie.

Und wollen wir wetten, auch dazu werden wir Deutsche eine Meinung abgeben. Wenn auch vermutlich erneut eine, die wir uns nur unter massivster medialer Beeinflussung aneignen durften!

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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