Gesundheitspolitik: Grauzonenverluste, Horrorszenarien und Neurodermitis für alle.

Was Oma noch wusste, im Gesundheitswesen wäre es angebracht: “Alle in einen Sack stecken und draufhauen. Es träfe keinen falschen”. Keiner der im Gesundheitsbetrieb an verantwortlicher Stelle handelnden Akteure vermag eine stabile, anspruchsgerechte und trotzdem kostenbewusste Gesundheitsversorgung sicherzustellen. Die Wahrnehmung in der Bevölkerung: Trotz steigender Beiträge und Zuzahlungen verschlechtert sich die Versorgung zunehmend.

Im Bereich der Leistungserbringer greifen aktuell die Hausärzte zur großen Keule. Die anstehende, neuerliche “Gesundheitsreform” im Blick, warnte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hausärzteverbandes, Eberhard Mehl, am Mittwoch in Berlin. “Diese Entscheidung wird viele Menschenleben kosten.”

Im Visier der Hausärzte: die FDP. Sehen sich die Hausärzte als Kosten dämpfende Lotsen im “Dschungel von 38 Spezialdisziplinen” und “Garanten einer patientennahen Versorgung”, so erkennen sie in den Bestrebungen von FDP- “UnGesundheitsminister Rösler”, den Anfang “vom vollständigen Chaos im Gesundheitssystem“. Möchte Rösler doch mit “fragwürdigen Einsparungen” die Vergütung bei sogenannten Hausarztverträgen begrenzen. Dadurch würde “ein Landkreis nach dem anderen zusammenbrechen”, weil keine jungen Ärzte mehr nachkämen, so der Hausärzteverband.

Mittwoch, 21. Juli 2010 in Pfaffenhofen: Hausärzte gegen FDP

Gesundheit- Geld oder Leben

Seit Einführung des “Kostendämpfungsgesetz” im Jahr 1977 und der Einführung der Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln (1,- DM / 0,50 Euro pro Medikament) dasselbe Spiel um Milliarden. Bei den Krankenkassen fehlen Milliarden, die Politik kündigt “die” große Reform an – doch es steigen nur die Versicherungsbeiträge. 2011 erneut von 14,9 % auf 15,5 %. (etwa 6 Milliarden Mehreinnahmen)

“Grauzonenverluste” im 170 Milliarden Euro Markt der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV)

Der Gesundheitsmarkt sei “intransparent und extrem kompliziert. Das eröffnet die Möglichkeit, Gelder fehlzuleiten“. Diese vorsichtige Umschreibung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen stammt von Alexander Badle, Leiter der Zentralstelle Abrechnungsbetrug beim hessischen Generalstaatsanwalt. Halb so schlimm, meint Rolf Koschorrek, CDU-Obmann im Gesundheitsausschuss.”Man kann als Gesetzgeber nicht jedem Einzelfall hinterherjagen”, lässt er sich auf “spiegel online” zitieren.

Das übernehmen immer öfter die Krankenkassen. So hatte zum Beispiel die größte gesetzliche Krankenkasse Barmer-GEK im Jahr 2009 “166 Millionen Euro zurückgeholt”. Von Deutschen Krankenhäusern. Die Barmer wolle den Rechnungsstellern hier keine böse Absicht unterstellen. “Es liegt an dem sehr komplizierten Codierungs-System für die Abrechnungen.” meint die Barmer-Chefin Birgit Fischer. (Bild online, 12.Feb.2010)

Topentscheider: dumm in der Finanzkrise, aber schlau im Gesundheitswesen?

Die Profis im deutschen Gesundheits-Systems verstehen sich, nach eigener Einschätzung und ausweislich der Höhe ihrer Einkünfte, als der Elite Deutschlands zugehörig. Um zu verstehen, wie Deutschlands Eliten funktionieren, lohnt es sich, einen schonungslosen Blick auf die Finanzbranche zu werfen. Hier ist die “Verzwergung” der sogenannten Elite nicht mehr zu übersehen.

Der an der Hochschule Luzern im Studiengang “Economic Crime Investigation” lehrende Leo Müller, Enthüller zahlreicher Wirtschaftsskandale und anerkannter Experte für Finanzkriminalität, tat dies in seinem 2010 erschienen Buch “Bank Räuber”. Das 383 Seiten starke Sachbuch gibt in der Unterzeile die Richtung vor: “Wie kriminelle Manager und unfähige Politiker uns in den Ruin treiben”.

“In der Geschichte der Weltfinanzkrise gibt es einen deutschen Sonderfall. Zu dem gehört das Versagen der Politik…..In Deutschland wurden die Politiker ihrer Verantwortung weder beim Regieren gerecht, noch in den Aufsichtsräten von Landesbank, IKB und KfW….Erst die Weggucker aus Politik und Aufsichtsbehörden haben es möglich gemacht, dass sich in den deutschen Banken-Büchern Problemwerte im Umfang von mehr als 800 Milliarden Euro auftürmten und damit die jährlichen Steuereinnahmen des Landes erheblich übersteigen.”

Allein die Schulden der deutschen Landesbanken (darunter die Bayern LB), für die allein der deutsche Steuerzahler haftet, sind Ende 2008 auf 500 Milliarden Euro angewachsen- dreimal so viel wie die deutschen Bürger privat erspart haben.

“Stupid germans with stupid money” so der Spot der angelsächsischen Finanzwelt.

Wer will da noch glauben, im weit unübersichtlicheren deutschen Gesundheitswesen ginge man “kompetenter” mit Geld der Steuer- und Betragszahler um?

Arzneimittel- Gesundheitswesen oder Gesundheitswirtschaft

Im Gesundheitswesen verpuffen Millionen in vielen, teuren Krankenhäusern, für sinnlose Doppeluntersuchungen und für teure Medikamente, die genau dasselbe bewirken wie die alten, billigeren. (Erst ab 2011 muss bei innovativen Arzneien ein Zusatznutzen nachgewiesen werden)

Für große Teile Europas gilt Deutschland, bei der Neueinführung von Medikamenten, als Referenzmarkt. Das ist gut für andere Länder, aber besonders schlecht für Deutschland. In der Regel bestimmt hier der Hersteller des Medikaments den Preis allein. Andere Länder, zum Beispiel Frankreich, warten das Preisdiktat des Herstellers für Deutschland ab, und verhandeln bei der Einführung in Frankreich den Preis um durchschnittlich 20 Prozent nach unten. Bietet das neue, aber teurere Medikament keinen oder nur einen niedrigen Zusatznutzen gegenüber dem Vorgängerpräparat, könne die Erstattung versagt werden.

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Unfreiwillig ehrlich: Ein Pharmalobbyist verplappert sich.

Zivilisationskrankheiten: Der Zukunftsmarkt für Pharmaträume

Nach Angaben des Bundesministerium für Gesundheit (BMG) stiegen die Ausgaben für Arzneimittel bei den Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) in den letzten 10 Jahren von 17,7 Milliarden (1998) auf 29,1 Milliarden (2008). Mit 19,3 Prozent der zweitgrößte Kostenfaktor nach den Krankenhauskosten innerhalb des gesamten GKV-Kostenblocks für Leistungen von 150,9 Milliarden.

Einem ungebremsten Wachstum mit nachhaltiger Dynamik der Pharmabranche stehen nur die Finanzierungsprobleme der GKV entgegen. Banker sehen nun die “Schubkraft der Gesundheitswirtschaft” unter anderem in der steigenden “Selbstmedikation”.

Schließlich haben sich seit 1992 “die Gesundheitsausgaben der privaten Haushalte mehr als verdoppelt, so „Deutsche Bank Research“ in der Marktanalyse “Gesundheitswirtschaft im Aufwind” (3. Mai 2010) Deren Anteil an den gesamten Gesundheitsausgaben ist von 10,5% auf 13,4% gestiegen”.

“In der deutschen GKV sind die Pro-Kopf-Ausgaben für die über 80-Jährigen (rd. EUR 5.000 p.a.) derzeit rd. dreieinhalbmal so hoch wie für den Durchschnitt der Bevölkerung im Erwerbsfähigenalter (15 bis 64 Jahre). Bei unveränderten altersspezifischen Ausgaben wäre in den kommenden Dekaden mit einem entsprechend kräftigen Bedarfsschub zu rechnen”.

Es gibt nur eine Gesundheit, aber jede Menge von Krankheiten

“In den Industrieländern sind so genannte Zivilisationskrankheiten auf dem Vormarsch“, so die Marktanalyse der „Deutsche Bank Research“. “Darunter versteht man i.d.R. Krankheiten, deren Auftreten durch gesundheitsgefährdende Lebensstile, Verhaltensweisen und Umweltfaktoren, wie sie in industrialisierten Ländern verbreitet sind, maßgeblich beeinflusst wird. …..Die Gesundheitsausgaben für die Zivilisationskrankheiten entstehen oft schon in jungen Jahren und nehmen mit steigender Lebenserwartung zu. Zu den Risikofaktoren für diese Krankheiten gehören vor allem Fehlernährung, Bewegungsmangel, Alkohol sowie Umweltgifte. Weit verbreitet unter diesen Krankheiten sind Allergien, Hauterkrankungen (Neurodermitis, Akne), Asthma, Diabetes Typ-2 (Zuckerkrankheit) sowie Herz-Kreislauf-Beschwerden”.

Die Richtung ist klar. Gesundheit ist teuer und wird zukünftig noch teurer.

Doch warum werden wir nur älter aber nicht gesünder?

Warum gehen wir keinem gesundheitlichen Risiko aus dem Weg und essen zudem alles, was uns die Lebensmittelindustrie in die Regale stellt? Produkte mit in der Summe zu viel Salz und zu viel Fett.

Sind wir wirklich so dermaßen krank, dass wir in Deutschland durchschnittlich 18-mal im Jahr zum Arzt rennen müssen?

Dazu das DEUTSCHE ÄRZTEBLATT im Januar 2010:

“Mit durchschnittlich 224 Patientenkontakten pro Woche, 45 Patienten pro Werktag und einem Zeitkontingent von acht Minuten pro Patient sei die Behandlungsfrequenz deutscher Ärzte im internationalen Vergleich doppelt so hoch.”

Sport soll doch gesund sein. Warum ereignen sich dann zum Beispiel im Jahr 2007 an deutschen Schulen   552.063 meldepflichtige Unfälle allein im Sportunterricht?

Warum wurden 223.758 Männer im Jahr 2007 mit der Hauptdiagnose “Psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol” vollstationär behandelt? (Platz 1 in der Statistik der häufigsten Hauptdiagnosen bei Männern. Gefolgt von “Angina Pectoris” mit 177.595 Fällen)

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“Bürgersicht” widmet sich der Problematik Gesundheitspolitik in 3 weiteren Artikeln.

Teil 1 (Montag, 26.Juli): “Gesundheitspolitik in der Hand der FDP: Chaos statt Gesundheit”. Die Privatdozentin und Gesundheitsforscherin Elena Melanchthon-Öller beschäftigt sich darin unter anderem mit den irreführenden Begriffen “Kopfpauschale und Gesundheitsprämie”.

Im Teil 2 (Mittwoch, 28. Juli) geht sie auf eine “latent betrügerische Grundhaltung der Politik” ein, und warnt vor falschem Sparen a la König Otto im Griechenland des 19. Jahrhunderts. Damals sparte man sich die Kosten für psychiatrische Kliniken, indem man die Kranken in Klöster einwies. (Keine Anspielung auf den Ex-Bischof Mixa)

Im letzten, dem 3. Teil dieser Serie, beleuchtet ein Hausarzt aus Pörnbach (Lkr. Pfaffenhofen) das Problemfeld “Gesundheit in Deutschland”. (Freitag, 30. Juli)

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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