„Tafel“ im Landkreis Pfaffenhofen – Lieferservice für Asylbewerber ?

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Eine Pressemeldung des Landratsamtes sorgt für Irritation.

Keine Sozialwohnung für Bedürftige, kein Geld für Lehrer und Engpässe bei den Kindergartenplätzen. „Doch für Flüchtlinge gilt das alles nicht“ hört man das Wehklagen quer durch die Republik. Und jetzt sollen Asylbewerber von der Pfaffenhofener Tafel auch noch Lebensmittel in ihre Wohnungen geliefert bekommen? Hier der Sachverhalt hinter einer „verunglückten“ Pressemeldung.

Tafeln suchen dringend ehrenamtliche Helfer“ war die Pressemeldung aus dem Landratsamt betitelt. Die Helfer sollten „mittelschwere Lasten bis zu 20 kg“ tragen können, und mit eigenem Auto „jeweils am Freitag in der Mittagszeit Lebensmittel von der Pfaffenhofener Tafel in die ortsansässigen Unterkünfte der Asylbewerber bringen“.

Übernahm jetzt die ehrenamtlich organisierte und durch freiwillige Lebensmittelspenden unterstützte „Tafel“ die vom Staat über die Asylgesetzgebung zu leistende Grundversorgung der Asyleinrichtungen im Landkreis?

Pressemeldungen aus dem Landratsamt, ob vom Landrat, aus den einzelnen Sachgebieten oder den verschiedensten kreiseigenen Einrichtung oder Betrieben, sie alle durchlaufen vor der Herausgabe ein behördeninternes Prozedere der Endbearbeitung.

Rohentwürfe werden überarbeitet, gestrafft und im schlimmsten Falle so eingedampft, das manche Abteilung ihre Mitteilung oder ihr Anliegen wegen „hineinredigierter“ Ungereimtheiten auf Leser-Nachfrage mühsam erklären muss. (Abgesehen von Pressemeldungen, die gewollt unsachgemäß das Landratsamt verlassen, wie „Bürgersicht“ anlässlich der Vorkommnisse in der Asylunterkunft Rockolding berichtete)

Derart vorgewarnt, konnte nur ein Telefonat mit der „Tafel“ in Pfaffenhofen die Aufklärung bringen.

Nein, wir beliefern keine Asylunterkünfte

Nein“, erklärte die Leiterin der Tafel, Frau Silvia Hiestand am Telefon, „zur Belieferung der Asylunterkünfte stellt die Tafel keine Tafelmitarbeiter. Die Asylunterkünfte werden von den jeweiligen Helferkreisen beliefert“.

Für keinen der Bedürftigen im Landkreis könne man einen derartigen Lieferservice vorhalten. „Das könnten wir personell gar nicht leisten“ verweist Frau Hiestand auf die Grenzen der Belastbarkeit der etwas über 100 Ehrenamtlichen. Gerade wegen der Aufrechterhaltung des Regelbetriebes habe man auf der Suche nach weiteren ehrenamtlichen Helfern das Landratsamt um diese Pressemeldung gebeten.

Was man aber mache, sei „die Lebensmittel, je nach Personenzahl und religiöser Zugehörigkeit in den Unterkünften, nach Vorgabe der Helferkreise in den benötigten Einheiten zur Abholung bereitzustellen“.

Müssen sich Asylbewerber ihre Lebensmittel also nicht persönlich bei den Ausgabestellen der Pfaffenhofener Tafel abholen. „Doch, sicher. Wer am Ort einer Ausgabestelle wohnt tut das auch und kommt persönlich vorbei“ rückt Hiestand falsche Vorstellungen zurecht.

Ob in Pfaffenhofen oder den 4 weiteren Ausgabestellen Hohenwart, Rohrbach, Steinkirchen und Wolnzach, hier holen sich wöchentlich durchschnittlich 261 Kunden Ware ab, wodurch insgesamt ca. 342 Erwachsene und 232 Kinder mit Lebensmitteln versorgt werden.

Und dabei sei es einerlei, ob Rentner, Arbeitsloser, Hartz IV Empfänger oder Asylbewerber. „Alle Bedürftigen, sofern wir ihre Bedürftigkeit anhand amtlicher Dokumente geprüft haben, bekommen jährlich von der Tafel einen Ausweis, sind somit registrierte Kunden und werden alle gleich behandelt“ erklärt die Leiterin der Pfaffenhofener Tafel.

Dass es Stammkunden gäbe, die diese Gleichbehandlung etwas differenzierter und Asylbewerber als unliebsame Konkurrenz um knappe Lebensmittel sehen, erkennt man nicht nur bei den Ehrenamtlichen in Pfaffenhofen.

Man werde dennoch niemanden aufgrund seiner Herkunft oder Religion ausschließen, sagt der Vorsitzende des „Bundesverband Deutsche Tafel“, Jochen Brühl im Deutschlandradio.

Verteilungskämpfe nicht auf dem Rücken der Tafeln austragen

Wenn ich wenig habe und wenn ich auf Hilfe und Unterstützung angewiesen bin, wenn ich Kinder zu Hause habe oder wenn ich merke, ich verlasse mich auch auf die Unterstützung der Tafel – das möchte ich auch noch mal betonen, wir versorgen nicht, sondern wir unterstützen mit dieser freiwilligen Hilfe –, dann führt das einfach zu Konflikten. Und dann kann es so sein, dass die, die neu kommen, dann von denen, die schon länger da sind, eben halt auch diskreditiert werden“ beschreibt Brühl ein allzu menschliches Problem.

Aber wir achten bei diesen Konflikten immer sehr darauf, dass nicht eine bestimmte Gruppe den Schwarzen Peter zugeschoben bekommt, sondern wir achten darauf, dass alle, die zu uns kommen, auch unterstützt werden, aber eben halt mit den Möglichkeiten, die wir haben“.

Bei Lebensmittel, die man zur Verfügung habe, werde keine Gruppe aufgrund ihrer Herkunft, Religion, ihrer besonderen Lebenssituation ausgeschlossen. „Für uns steht der Mensch im Vordergrund. Wir werden alle Bedürftigen gleichbehandeln“.

Dort, wo Tafeln „ein hohes Maß an Flüchtlingen zu bewältigen haben, weisen wir darauf hin, dass die Flüchtlinge ein Teil einer wachsenden Gruppe von Menschen sind, die abgehängt sind, und da erwarten wir von der Bundesregierung, vom Staat, von der Gesellschaft ganz deutliche Maßnahmen, dass das nicht auf dem Rücken einer Ehrenamtsbewegung ausgetragen wird“, stellt Brühl eine glasklare Forderung.

Die Tafeln sehe er dort am Rande ihrer Belastbarkeit. Brühl fordert „Ehrenamtsorganisationen auch finanziell temporär“ zu unterstützt. Bundesregierung und auch die Landesregierungen seien hier in der Pflicht.

Hohes Flüchtlingsaufkommen – Weniger Lebensmittel können verteilt werden

Wenn der Kuchen gleich groß bleibt, die Mitesser zahlenmäßig aber immer mehr werden ….

Es wird eine Lebensmittelobergrenze geben, und dann werden Menschen weniger bekommen“ verweist Brühl auf die Problematik die von den Tafeln seit Jahren thematisiert wird.

Wir sind eine Freiwilligenbewegung, und bei uns wird das abgegeben, was wir haben, und das ist kein Unterschied für uns, wer da kommt. Es wird halt weniger werden, wenn wir nicht mehr Spenden bekommen“.

Bei der Pfaffenhofener Tafel ist man von „Rationierung“ bei Lebensmitteln durch die dazugekommene Kundengruppe Asylbewerber derzeit nicht betroffen. Für den zu zahlenden Einen Euro kann die Lebensmittelhilfe uneingeschränkt in Anspruch genommen werden. Hier brauche keiner Angst zu haben, zu kurz zu kommen.

Abgesehen von einer einzigen Kette bekommen wir in Pfaffenhofen von allen Supermärkten Lebensmittelspenden“ weiß Frau Hiestand zu berichten. Wenn sie merke, es könnte etwas knapp werden, würde im Laufe der Woche ein Lieferwagen erneut auf Sammeltour geschickt. „Wo wir immer zu wenig davon haben ist Fleisch, Obst und Gemüse“. Hier spielen die Bevorratungszyklen des Handels und der allzu schnelle Verderb der Waren eine Rolle.

Bei Molkereiprodukten gäbe es seltener Engpässe. Unabhängig von den Spenden ortsansässiger Lebensmittler habe sie hier einen etwas außerhalb produzierenden, sehr aufgeschlossen Hersteller, bei dem die eine oder andere Palette mit Produkten abgeholt werden könne.

Wäre es da bei der stetig steigenden Zahl an Hilfsbedürftigen nicht für alle Beteiligten das Beste, alle unverkauften Lebensmittel, also auch aussortiertes Obst, Gemüse und nicht mehr verkaufsfähige aber genießbare Fleisch- und Wurstprodukte statt sie zu vernichten, an Organisationen wie die Tafeln abzugeben?

Ein entsprechendes Gesetz verabschiedete, nach der Nationalversammlung nun dieser Tage auch der Senat in Frankreich.

Das Vorhaben sei prinzipiell zu begrüßen, findet der „World Wide Fund For Nature“ (WWF). Bei genauerem Hinsehen entdecke man jedoch einen gravierenden handwerklichen Fehler:

Die Händler könnten sich jetzt die Kosten für die Entsorgung und die vom französischen Gesetz vorgegebene Alternative der Kompostierung oder Tierfutterverwertung sparen.

Werden die Massen der Lebensmittel, die durch das Gesetz nun an die karitativen Organisationen abgegeben werden, überfordere dies deren freiwillige Strukturen. Das Vermarktungssystem mit seiner teilweise einkalkulierten beziehungsweise akzeptierten Verschwendung, wälzt die Kosten für die Entsorgung auf ehrenamtliche Strukturen ab. Am Ende der Kette müssten jetzt die Tafeln für die Kompostierung überzähliger Lebensmittel sorgen.

Gehäufte Pressemeldungen zur Suche von Ehrenamtlichen für die Tafel in Pfaffenhofen wären die Folge.

Aktuell hat man schon alle Hände voll zu tun, freiwillige Helfer zur Bewältigung der jetzt schon umfangreichen Aufgaben zu finden.

Und wie wir jetzt wissen: Die Belieferung von Asylbewerberwohnungen gehört nicht dazu.

Zur Abrundung des Themas: Plant die Bundesregierung ein ähnliches Gesetz wie in Frankreich?

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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