Die Sprachlüge

Heute: Steuersünder

Was haben Otto Graf Lambsdorff, Paul Schockemöhle, Boris Becker, Freddy Quinn, Peter Graf, Klaus Zumwinkel und Uli Hoeneß gemeinsam? Sie sind nicht nur prominent, sondern auch prominente Steuerhinterzieher! Doch auch dieser Tage versuchen interessierte Kreise, dieses schmarotzerhafte Treiben als weniger wichtige „Sünde“ zu verkaufen.

Vergebens!

Denn innerhalb von Tagen hat der Fall Hoeneß in Deutschland etwas grundlegend geändert: Die Ehrlichen werden zu Helden der Gegenwart erklärt! Die bisher -angeblich- Dummen verschaffen der Steuermoral ein neues, besseres Ansehen. Und den bevorstehenden Wahlen eine gehörige Portion Zündstoff!

Dazu der Eintrag von Kai Biermann auf „Neusprech.org“, dem „Lexikon der Un-Begriffe“, das „dem Denken auf die Sprünge“ hilft. (Jury des Grimme Online Awards)

STEUERSÜNDER

Wer Steuern nicht bezahlt, ist nach gängigem sprachlichen Verständnis ein Steuerhinterzieher und somit ein Straftäter. Doch leben wir in einer Privilegiengesellschaft, daher gibt es selbstverständlich auch hier Unterschiede. Was sich nicht zuletzt an der Sprache zeigt. Sünden waren einst eine rein kirchliche Angelegenheit und galten in diesem Zusammenhang als schweres Vergehen. Seit dem Mittelalter hat sich in Kirchendingen allerdings einiges geändert und auch die Sünde ist nicht mehr, was sie einst war. Seit der Zeit der Aufklärung ist ihr moralisches Gewicht eher gering und so gilt sie im alltäglichen Sprachgebrauch zwar noch immer als Verfehlung, aber nicht unbedingt als Verbrechen. Sünder nehmen wir gern wieder in unsere Mitte auf, wenn sie ein wenig Reue zeigen und ein oder zwei Vaterunser beten. Folglich ist der S. eine privilegierte Version des Hinterziehers, einer also, dem wir gern verzeihen und sogar die Strafe erlassen. Die gleiche semantische Nachsicht zeigt sich auch beim Steuerflüchtling. Für Flüchtlinge immerhin haben wir – auch wenn wir sie nicht ins Land lassen, siehe → Flüchtlingsbekämpfung –, ein wenig Mitleid übrig. Dass mit diesen verharmlosenden Begriffen dauernd Menschen bezeichnet werden, die dem Staat nicht nur eine Handvoll Euro schulden, sondern gleich ganze Millionen, macht die Sache nicht besser. Kein Wunder, dass Steuern zu hinterziehen kaum jemandem als Straftat gilt, die alle schädigt.

Über Bernd Schuhböck

Nach den Maßstäben der Ära Willy Brandts politisch eher linksliberal. Wer ihn missverstehen möchte, nennt ihn einen Sozialromantiker. Wer ihn kennt, wertkonservativ und mit zu viel Ethos für einen Bayer. Der Mann für´s kommunale, soziale oder sonstwie politische. Oder für Themen, für die sich keiner fand, der sie aufgreifen wollte.

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